Diskussion um das Jesus-Buch des Papstes.
Was sagen Neutetstamentler dazu?
Das deutsche Feuilleton hat das Jesus-Buch des Papstes, als es Mitte April erschien, überwiegend positiv aufgenommen. Das Buch wurde für den Beginn einer spannenden und notwendigen Debatte gehalten: Benedikt XVI. kritisierte darin die historische Interpretation der Geschichte Jesu, die die Evangelien nicht als Tatsachenberichte nimmt, sondern als Darstellungen, die durch den Glauben der Verfasser geprägt sind. Die historische Forschung fragt nach dem historischen Jesus hinter den Glaubensdarstellungen. Anders Benedikt: Er will den Evangelien „trauen“ und so den „wirklichen“ Jesus, den „’historischen Jesus’ im eigentlichen Sinn“ darstellen, und dass sei eben von Anfang an der niedergefahrene Sohn des dreieinigen Gottes.
Wie haben die Neutestamentler diese Herausforderung beantwortet? Dazu sind dieses Wochenende zwei Bücher erschienen:
„Jesus hat das Reich Gottes angekündigt, und dafür ist die Kirche gekommen.“ Dieses Bonmont des katholischen Theologen Alfred Loisy drückt das Dilemma aus, um das es geht: Ist der Mensch Jesus von Nazareth identisch mit Jesus Christus wie ihn die ersten Christen bekannt haben und ab dem 4. Jahrhundert dann in dogmatischen Formeln gefasst haben?
Der Papst sagt ja, Gerd Lüdemann sagt nein. Der Göttinger Neutestamentler wirft in seinem soeben erschienen Buch „Das Jesusbild des Papstes“ Benedikt XVI., vor, dass er es mit der historischen Frage nicht ernst nimmt:
Zitator A Lüdemann
Ratzinger versieht sein Werk mit einem falschen Etikett. Der im Vorwort angekündigte Versuch, den Jesus der Evangelien als den historischen Jesus darzustellen, findet nicht statt, weil Ratzinger sich auf historische Fragen gar nicht einlässt. Stattdessen besteht das Buch zu großen Teilen aus Meditationen über den „Herrn“.
Lüdemann geht Kapitel für Kapitel vor, stellt erst die Position von Ratzinger dar und unterzieht sie dann einer Kritik – so hat das Buch nicht den Charakter eines flüssigen Essays, sondern eher eines Arbeitsbuches. Dazu passt, dass Lüdemann auch die von Ratzinger herangezogenen Bibeltexte kurz selber auslegt. Dabei wird in der Tat deutlich, dass Benedikt die Texte immer schon von einer dogmatischen Grundentscheidung her versteht; also das herausliest, was er als Voraussetzung des Verstehens formuliert hat.
Lüdemann kommt aufgrund der von ihm skizzierten Textauslegungen zum gegenteiligen Ergebnis:
Zitator A
Jesus von Nazareth hat sich nicht als Gott verstanden. Die dafür herangezogenen Texte sind jüngeren Datums und spiegeln die Situation der Kirche Anfang des zweiten Jahrhunderts wider.
Jesus von Nazareth hat sich nicht als Gott verstanden. Die dafür herangezogenen Texte sind jüngeren Datums und spiegeln die Situation der Kirche Anfang des zweiten Jahrhunderts wider.
Dabei ist freilich zu fragen, ob die Unbekümmertheit, mit der Lüdemann alle möglichen Worte Jesu als spätere Bildung der christlichen Gemeinde klassifiziert, heute noch Stand der Forschung ist. Hat die Vergöttlichung Jesu tatsächlich erst nach seinem Tod eingesetzt? Oder ist die Lehre über Christus nur verständlich, weil sich Jesus zu Lebzeiten schon als Messias und Heilsbringer verstanden hat?
Differenzierter und höflicher antworten die Neutestamentler, die der katholische Theologe und Berater der Deutschen Bischofskonferenz, Thomas Söding, zusammengestellt hat in seinem Buch „Das Jesus-Buch des Papstes. Die Antwort der Neutestamentler“: Die theologischen Anliegen des Papstes werden gewürdigt, aber die historische Arbeit wird von den katholischen und evangelischen Bibelforschern zurückgewiesen: Dass der Papst zum Beispiel das Johannesevangelium als zuverlässige Quelle für die Frage nach dem historischen Jesus nimmt, ist eindeutig eine Außenseiterposition:
Zitator B Frey
Verständlicher weise beklagt Ratzinger, dass die neuere Forschung Johannes weithin aus der Diskussion um den historischen Jesus verabschiedet hat. Dass dies – trotz einzelner beachtlicher historischer Informationen – im Ganzen zu Recht geschah, würde ich dennoch festhalten.
So das akademisch formulierte Urteil von Jörg Frey, Neutestamentler in München und Fachmanns für das Johannesevangelium. Mit am deutlichsten formuliert der katholische Exeget Martin Ebner aus Münster die Kritik am unhistorischen Umgang des Papstes mit den Bibeltexten. Er stellt die naheliegenden Fragen: Hat der Papst Angst vor der Vielfalt der Jesusbilder in der Bibel? Und hat er Angst davor, am eigenen Ursprung gemessen zu werden, wenn er seinen Jesus immer schon mit den Augen der kirchlichen Lehre sieht?
Thomas Söding hat keine scharfen Kritiker des Papstes in seinem Band versammelt – insofern ist der Untertitel des Buch „Die Antwort der Neutestamentler“ mit Vorsicht zu genießen. Trotzdem sieht sich der Herausgeber in seinem Vorwort zu einer Mahnung veranlasst:
Zitator B Söding
In der katholischen Kirche ist es vielleicht nicht überflüssig, einzufordern, was der Papst selber als notwendig erachtet: die Freiheit zur Kritik. Es wäre eine Katastrophe, sollte es einmal eine Situation geben, in der ein katholischer Neutestamentler Probleme [...] bekäme, weil er der Methodik, den Analysen oder den Interpretationen des Papstes widerspricht. In diesem Sinne soll das Antwortbuch auch helfen, den Freiraum für wissenschaftliche Jesusforschung offen zu halten.
In der katholischen Kirche ist es vielleicht nicht überflüssig, einzufordern, was der Papst selber als notwendig erachtet: die Freiheit zur Kritik. Es wäre eine Katastrophe, sollte es einmal eine Situation geben, in der ein katholischer Neutestamentler Probleme [...] bekäme, weil er der Methodik, den Analysen oder den Interpretationen des Papstes widerspricht. In diesem Sinne soll das Antwortbuch auch helfen, den Freiraum für wissenschaftliche Jesusforschung offen zu halten.
Dass solch eine Katastrophe für Söding offensichtlich nicht im Bereich des Unmöglichen liegt, ist bezeichnend und stimmt nicht hoffnungsvoll. Das Jesusbuch des Papstes ist eben nicht nur das Buch eines Privatgelehrten. Wäre es dass, das muss man ganz nüchtern sehen, würde sich kaum ein Bibelwissenschaftler damit auseinandersetzen und die beiden vorgestellten Bücher wären nicht geschrieben worden.
Gerd Lüdemann, Das Jesusbild des Papstes. Über Joseph Ratzingers kühnen Umgang mit den Quellen, zu Klampen Verlag Springe, 160 Seiten. 9,95 Euro.
Thomas Söding, Das Jesusbuch des Papstes. Die Antwort der Neustestamentler, Herder Verlag Freiburg, 160 Seiten, 9,90 Euro.
Thomas Söding, Das Jesusbuch des Papstes. Die Antwort der Neustestamentler, Herder Verlag Freiburg, 160 Seiten, 9,90 Euro.
WDR 5 Diesseits von Eden / 29.7.2007




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