Keine theologische Klarheit und kaum gute Nachbarschaft.

Zur Kritik am Islam-Papier der EKD.

Dass sie gelangweilt hätten, kann man den Verfassern nicht vorwerfen: „Klarheit und gute Nachbarschaft“ heißt die Handreichung des Rates der Evangelischen Kirche zu „Christen und Muslimen in Deutschland“. Eine Handreichung, die nun knapp ein Jahr alt ist und zu einem der meistdiskutierten Papiere aus der protestantischen Publikationsproduktion gehört.
Anfang der Woche nun wurde ein Buch vorgestellt, in dem 15 Professoren die EKD-Handreichung einer – zum Teil – vernichtenden Kritik unterzogen. Wolfgang Huber der Ratsvorsitzende der EKD, zeigte sich erfreut über eine vertiefte Diskussion und versprach die Argumente der Wissenschaftler zu prüfen, wies die Kritik in einer ersten Stellungnahme allerdings erstmal deutlich zurück.

Erst waren es vor allem die Kirchenleute, die mit Moslems am Ort zu tun hatten, die sich die Haare rauften: Die Beauftragten der evangelischen Kirchen für den interreligiösen Dialog waren von Anfang an nicht glücklich über die Stellungnahme der EKD: Statt „Klarheit und gute Nachbarschaft“ sahen sie in dem Papier Profilierung auf Kosten anderer, Abgrenzung – und das Schüren von Angst vor dem Islam – also keine gute Nachbarschaft. Das Dreinreden ihrer Leute von der Basis hinderte die Kirchenleitungen aber nicht, weitere unnötige Warnungen vor dem Islam auszusprechen: Am selben Tag als der rheinische Präses Nikolaus Schneider Dialogbeauftragte versammelt hatte und sich ihre Kritik an der EKD-Handreichung anhörte, am selben Tag gab er dem Kölner Stadtanzeiger ein Interview, in dem er den geplanten Entwurf der Moschee in Köln-Ehrenfeld als „imperial“ bezeichnete.

Nun sind es nicht mehr die Dialogbeauftragten, sondern Wissenschaftler, die sich seit Jahren oder Jahrzehnten mit interreligiösen Fragen beschäftigen – und auch deren Urteil fällt vernichtend aus: Das EKD-Papier weise „erschreckende Defizite“ auf. Die theologischen Aussagen blieben unter dem Niveau, das man von Vertretern der Evangelischen Kirche erwarten dürfe. In der Tat machen die Texte der Professoren deutlich, dass die EKD mit ihrer Stellungnahme weit hinter den Stand der wissenschaftlichen Diskussion zurückfällt.

Das betrifft Fragen wie: haben die Christen allein Einblick in die göttlichen Wahrheiten? Die EKD sagt zwar nicht einfach ja, aber sie will, dass Christen ihren Glauben eben doch als DIE Wahrheit verkünden.
Was bedeutet es, dass Christen und Moslems den selben Gott anbeten? Die EKD meint, so eine Feststellung trage nicht sehr weit.
Kann man mit Moslems zusammen ein gemeinsames Gebet sprechen? Neinnein, ist sich die EKD ganz sicher.

Das sind Positionen, die von den Wissenschaftler scharf und mit guten Gründen zurückgewiesen werden.
Die Kirchenfunktionäre haben sich also nicht nur von ihren Basisarbeitern, sondern auch von ihren eigenen Fachleuten abgekoppelt. Trotzdem können sie mit ihrem Misstrauen gegenüber Moslems auf Applaus hoffen, denn das Ressentiment gegenüber dem Islam ist heute weiter verbreitet denn je, das zeigen die Auseinandersetzungen um Moscheebauten. Wollen die Kirchenchefs also einfach populistisch sein? Vermutlich nicht, sie glauben wohl wirklich, was sie da sagen. Aber das macht die Sache kaum besser. Oder ist die Handreichung auch ein Angebot an den konservatív-evangelikalen Teil der Kirche? Möglich ist das.

Die Kirchenleitungen sollten aber auf unterschiedliche Erfahrungen hören, die sich im weiten Raum der Kirche finden lassen und sie sollten auch die wissenschaftliche Reflexion ihrer eigenen Experten nicht verachten. Wenn sie deren Kompetenzen nicht nötig haben, entweder weil sie selber Professor-Bischof Wolfgang „Super-Huber“ sind, oder weil sie meinen, sie hätten ja ihr Ohr an Volkes Stimme, dann sieht es freilich schlecht aus um die Kirche. Denn dann treiben ihre Funktionäre im Mainstream der Ressentiments gegenüber dem Islam, das sie dann ihrerseits verstärken. Eine Kirche, die auch mal gegen den Strom steht und eigene Akzente in der Gesellschaft setzt, die sieht anders aus.

Evangelisch aus fundamentalem Grund. Wie sich die EKD gegen den Islam profiliert, hg. von Jürgen Miksch, 333 Seiten, kartoniert, Verlag Otto Lembeck, € 19,80.

WDR 5 Diesseits von Eden / 14.10.2007


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