Unsoziale Löhne für soziale Arbeit.

Die Diakonie ließ prüfen, was die Ein-Euro-Jobs gebracht haben.

„Von Beginn an hat es nicht wenige kritische Stimmen gegeben, die den Wohlfahrtsverbänden quasi eine Mittäterschaft im Prozess des durch die Hartz-Gesetze bewirkten Abbaus von Standards in der deutschen Arbeitsmarktpolitik vorwerfen.“ So steht es in der Einleitung einer Studie, die das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche im Rheinland in Auftrag gegeben hat. Darin werden die Ein-Euro-Jobs in diakonischen Einrichtungen untersucht. Die Diakonie, die in Nordrhein-Westfalen der größten Anbieter von Ein-Euro-Jobs ist, als Mittäterin beim Abbau sozialer Standards?
Als das Hartz IV-Konzept diskutiert wurde, habe die Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände sich erst strikt dagegen ausgesprochen, erinnert sich Uwe Becker, Sprecher des Vorstandes des Diakonischen Werkes im Rheinland. „Da ist was gekippt“, so Becker. „Die Bundesarbeitsgemeinschaft hat sich irgendwann positiv ausgesprochen zu Hartz IV.“

Gekippt hört sich etwas nach umgekippt an. Man kann Uwe Becker unterstellen, dass er kein Freund von Hartz IV ist. Es komme nun eben darauf an, das beste draus zu machen, so Becker. Um das zu überprüfen wurde das Kölner Klaus-Novy-Institut mit einer Studie beauftragt. Dazu wurden nicht nur die Trägereinrichtungen befragt. „In zwei Befragungsrunden kamen insgesamt 263 ‚Ein-Euro-Kräfte’ in umfangreichen Interviews selbst zu Wort“, erklärt Michael Wiedemeyer, der wissenschaftliche Leiter der Studie.
Die Ergebnisse der Studie sind ernüchternd: In Ein-Euro-Jobs seien die wirklich Bedürftigen unterproportional vertreten: Also Langzeitarbeitslose, die gering qualifiziert sind oder Arbeitslose mit Migrationsgeschichte. Es scheint immer noch eine Creme der ALG II-Empfänger zu sein, die in den Ein-Euro-Jobs gefordert werden. Von daher ist die bundesweite Vermittlungsquote von 15,4 Prozent aus den Ein-Euro-Jobs in eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit wahrlich kein Ruhmesblatt. Die geringen Anschlussperspektiven sind denn auch der Hauptkritikpunkt am Ein-Euro-Job-System: „Bei der Integration in reguläre Beschäftigung sind allenfalls Teilerfolge zu vermelden.“

Außerdem bemängelt die Studie, dass viel weniger gefördert wird als vorgesehen: Nur knapp die Hälfte der Billigjobber hatten an einem Profiling-Gespräch in ihrem Job-Center teilgenommen, bevor sie in einen Ein-Euro-Job eingewiesen wurden. Das heißt zu deutsch: Die Leute werden nicht nach ihren individuellen Voraussetzungen und Wünschen gefragt, sondern irgendwo in einen Billigjob gesteckt. Aber die Defizitanzeige geht auch an die Diakonie: Das Diakonische Werk Rheinland lege in seinen Leitlinien ausdrücklichen Wert auf die Gewährleistung einer individuell zugeschnittenen Qualifizierung. „Aber nur jeder vierte Befragte gibt an, im bisherigen Verlauf seines Ein-Euro-Jobs an Qualifizierungen teilgenommen zu haben“, so Wiedemeyer. Insgesamt aber vergeben die Ein-Euro-Jobber ihren Job-Trägern von der Diakonie gute Noten. Viele würden auch wieder einen Job annehmen oder den bestehenden verlängern. „Dass frühere Teilnehmer rückblickend nicht weniger positiv über die Arbeitsgelegenheit urteilen“, so Wiedemeyer, „ist ein weiterer Hinweis darauf, um wie viel schlimmer die ‚Abwesenheit von Arbeit’ empfunden wird.“ Außerdem widerlegt die Studie die Mär von den „faulen“ Arbeitslosen, die das Konzept der Ein-Euro-Jobs ja wesentlich begründet: Drei Viertel der Billigjobber kommen freiwillig zu ihrer unwürdig bezahlten Arbeit.

Überrascht hat die Forscher, dass viele Ein-Euro-Jobber in ihrem Job deutlich länger als sechs Monate tätig waren. Oft sei von vornherein eine Verweildauer von bis zu 15 Monaten vereinbart worden. Das heißt, es hat sich längst ein öffentlich geförderter zweiter Arbeitsmarkt etabliert wie die von Hartz IV eigentlich abgelösten ABM-Stellen. Allerdings zu deutlich verringerten Tarifen für den Staat!

Und es heißt auch, dass man immer weniger behaupten kann, die Ein-Euro-Jobber würden keine reguläre Arbeit verdrängen und zusätzliche Arbeit verrichten. Michael Wiedemeyer erklärt zwar, dass in den Interviews und Befragungen keine Hinweise auf massive Verstöße aufgedeckt worden seien. „Andererseits scheint allen Beteiligten klar, dass – gerade im Bereich der sozialen Dienstleistungen – die Umsetzung der Ein-Euro-Jobs kaum überschneidungsfrei zur regulären Beschäftigung erfolgen kann.“ In der Diakonie gebe es für Ein-Euro-Jobs zwei beherrschende Einsatzorte: Einerseits die großen Werkstätten des Zweiten Arbeitsmarktes, die viele Jobs anbieten können. Andererseits viele Einsatzstellen bei diakonischen und evangelischen Einrichtungen wie Kirchengemeinden, Kindertagesstätten oder Krankenhäusern, die meist nur wenige Ein-Euro-Kräfte haben. „Letztere lassen auf größere Nähe zum regulären Arbeitsmarkt hoffen“, erklärt Wiedemeyer. Aber dann ist eben auch Gefahr, dass reguläre Arbeit verdrängt wird, besonders groß. „Über den Spagat zwischen der nötigen Arbeitsmarktnähe [von ein Euro-Jobs] und der realen Gefahr der Verdrängung von regulärer Erwerbstätigkeit muss offen diskutiert werden.“ So wird das Dilemma in der Studie diplomatisch beschrieben.

Die Konsequenz, die sowohl die Studie wie auch Diakonie-Vorstand Uwe Becker daraus ziehen, ist: Dass für die, die weiter chancenlos bleiben, ein zweiter Arbeitsmarkt her muss – und zwar zu anständigen Tarifen. Also mehr oder weniger eine Rückkehr zum alten ABM-System, das vor Hartz IV galt. Zumindest dürften die Ein-Euro-Jobs nicht als Allheilmittel eingesetzt werden: Im Jahr 2006 wurden mehr als 700.000 Menschen in Ein-Euro-Jobs gewiesen. Die Billigjobs seien längst nicht mehr die „ultima ratio für ‚arbeitsmarktferne erwerbsfähige Hilfebedürftige’“, erklärt Wiedemeyer. Sie wurden vielmehr zum Mittel der Wahl: Nur noch 5 Prozent der von den Job-Centern zugewiesenen „Arbeitsgelegenheiten“ seien mit „Entgeltvariante“, würden also nach Tariflohn bezahlt. Freilich helfen die vielen Ein-Euro-Jobs die Arbeitslosenstatistik zu schönen.

Mit der Studie „Ein-Euro-Jobs – umstritten und dringend reformbedürftig“ meldet sich die Diakonie in der politischen Diskussion um die Sozialpolitik zurück. Sie trifft mit ihrer kritischen Analyse der Ein-Euro-Jobs viel eher den Kern des Problems als die Diskussion in der SPD um eine Verlängerung des Arbeitslosengeldes I. Ob die Studie freilich zu einer Kursänderung innerhalb der Diakonie führen wird, das bleibt fraglich. Uwe Becker hat schon vor einem Jahr das Dilemma der diakonischen Einrichtungen beschrieben, die Ein-Euro-Jobs anbieten: Die hätten das Interesse, Ihre Arbeit weiter zu machen, auch wenn die Voraussetzungen der Politik sich änderten: „Die Ökonomischen Zwänge sind so stark, dass es eigentlich keine Möglichkeit gibt, sich zu verweigern, es sei denn man betreibt einen Suizid als Beschäftigungsträger und sagt: ‚Dann mache ich den Laden dicht und schicke meine Leute nach Hause.’“ Auch wenn ein Ein-Euro-Jobber keinen regulären Job findet, so hilft er einem Sozialarbeiter seinen zu behalten. So gesehen braucht die Politik vielleicht doch keinen allzu großen Widerstand von der Diakonie zu befürchten.

Publik Forum / 09.11.2007


Stichworte:
Arbeit, Diakonie, Ein-Euro-Jobs

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