Das Ferkel darf lachen und fragen - antworten muss niemand.

Das atheistische Kinderbuch kommt nicht auf den Index.

Ein Ferkel fragt nach Gott und begegnet wenig sympathischen Vertretern von Juden, Christen und Muslimen: Eifernde, bornierte Fundamentalisten, lächerliche Figuren, die dem Ferkel suspekt vorkommen. Das ist der Stoff des Kinderbuches "Wo bitte gehts zu Gott? fragte das kleine Ferkel". Dürfen Religionen im Kinderzimmer lächerlich gemacht werden? Das Bundesfamilienministerium hatte bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien einen Antrag gestellt, das Buch als jugendgefährdend zu indizieren. Dann hätte es nicht mehr beworben und nur noch auf Anfrage verkauft werden dürfen. Das Ferkel als „Bückware“? Soweit ist es nicht gekommen. Die Bundesprüfstelle hat dem Antrag des Ministeriums nicht stattgegeben.
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Nun kommt das Ferkel also nicht auf den Index: Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen, denn der Antrag des Bundesfamilienministeriums das Buch als jugendgefährdend zu indizieren war derart substanzlos, dass eine Indizierung skandalös gewesen wäre:

Das Bundesfamilienministerium erklärte, dass in dem Buch die Besonderheiten von Judentum, Christentum und Islam der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Das kann man sagen. Da das aber kaum für eine Indizierung reicht, schob der Antrag noch einen Antisemitismus-Vorwurf nach: Der Rabbi erzählt dem kleinen Ferkel und seinem Freund dem Igel die Geschichte von der Sintflut: Gott habe sich so sehr über die Menschen geärgert, dass er beschlossen habe, alles Leben auf der Erde zu vernichten. Alles Leben? Fragt das Ferkel erschrocken zurück: „Alle Menschenbabys, alle Omas und alle Tiere?“ „ Ja, alles Leben“, entgegnet der Rabbi.
Diese Passage empörte das Ministerium: Durch die Sintflut-Geschichte werde „die jüdische Religion als besonders Angst einflößend und grausam dargestellt.“ So der Antrag. Man reibt sich verwundert die Augen. Ferkel und Igel und der Rabbi hat sich Michael Schmidt-Salomon, der Autor des Buches, ausgedacht – für diese Figuren kann er haftbar gemacht werden. Aber die Sintflutgeschichte? Die steht – nur zur Erinnerung – in der Bibel, dem Alten Testament oder Tanach, der Heiligen Schrift von Juden und Christen. Soll die auf den Index – oder nur all die Kinderbibeln, die diese in der Tat grausame Geschichte in die Kinderzimmer bringen?

Aber es gibt keine Blödsinn, der nicht noch überboten werden könnte durch anderen Unsinn: Der Rabbi erinnere an Karikaturen aus dem Stürmer – so konnte man von Kirchenleuten beider großer Kirchen hören. Das Bistum Rottenburg-Stuttgart hatte sogar Strafanzeige gestellt wegen Volksverhetzung. Die Staatsanwaltschaft sah das anders, das Verfahren wurde inzwischen eingestellt. Der Zentralrat der Juden hatte frühzeitig erklärt, dass das Buch nicht antisemitisch sei. Und wer sich wirklich mal Hetzbilder aus dem Stürmer ansieht, merkt auch, dass der Rabbi aus dem Kinderbuch nun wirklich anders aussieht.

Differenzierter äußerte sich der Humanistische Verband in Berlin, der an öffentlichen Schulen der deutschen Hauptstadt Lebenskunde-Unterricht anbietet als Alternative zum Religionsunterricht. Dort zeigte man sich unzufrieden über das Buch, da es einen falschen Eindruck vermitteln könne, wie in der humanistischen Lebenskunde über Religionen gesprochen werde. „Wir werden es im Lebenskundeunterricht nicht einsetzen“, erklärt der Verband und verweist auf seinen Lehrplan, in dem es heißt: „Zur humanistischen Bildung gehört auch ein Wissen über die Religionen. Religionen werden nicht diffamiert oder lächerlich gemacht. Im Gegenteil, sie werden als Versuche der Menschen interpretiert, Antworten auf ihre existenziellen Fragen zu formulieren.“ Dazu hilft das Buch sicher nicht.

Schmidt Salomon

Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung kann man freilich unterstellen, dass er beim Schreiben des Buches nicht zuerst an Lehrpläne dachte, sondern dass er eine Provokation landen wollte – und das ist ihm mit Hilfe des Familienministeriums gelungen: Fast alle großen Medien der Republik haben über das Buch geschrieben, nachdem der Verbotsantrag bekannt wurde – auch international wurde es beachtet . Der Verlag hat 12.000 Stück verkauft und lässt nun die vierte Auflage drucken.

Was verboten werden soll, macht scharf – sicher. Aber das erklärt nicht alles: Das Buch scheint einen Nerv zu treffen: In dem Buch werden ja Glaubensgeschichten der Religionen auf’s Korn genommen – wie die Sintflutgeschichte – die auch viele erwachsene Gläubige nicht mehr nachvollziehen können. Kindern aber mutet man die religiösen Traditionen in Kinderbüchern und Religionsunterricht noch immer zu. Die Kirchen hätte die Auseinandersetzung mit dem Ferkel aufgenommen, wenn sie erklären könnte, wie Erwachsene diese alten Geschichten verstehen können und ob und wie man sie Kindern sinnvoll erzählen kann.

MDR Figaro / 9.3.2008


Stichworte:
Atheismus, Index, Kind

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