Mag Gott keine guten Bücher?

Kölner Generalvikar sperrt Literatur aus der Kirche aus.

„Vielleicht hält Gott sich einige Dichter, damit das Reden von ihm jene heilige Unberechenbarkeit bewahre, die den Priestern und Theologen abhanden gekommen ist.“ Das schrieb der Theologe und Schriftsteller Kurt Marti vor zwanzig Jahren. Immer mehr Gemeinden glauben, dass es von den Dichtern was zu lernen gibt und laden Sie deswegen auch in ihre Kirchen zu Lesung und Gespräch ein. So war das auch in der katholischen Kirche Sankt Agnes in Köln; renommierte Schriftsteller lasen in der Kirche vor oft zahlreichem Publikum. Bis des zuständige Generalvikar Dominikus Schwaderlapp erklärte, warum die profane Literatur im Kirchraum nichts zu suchen habe. Über das Ende eines erfolgreichen Modells berichtet Christoph Fleischmann:

O-Ton 1 Zahn
Wir haben einfach das Gefühl, das die Literatur, dass die Bücher etwas mit unserem Leben zu tun hat und natürlich auch mit unserem Glauben, mit der Auseinandersetzung, die wir täglich mit unserem Glauben führen.

So beschreibt der Sozialarbeiter Clemens Zahn seine Motivation an dem Literaturkreis der Agneskirche teilzunehmen. In dem Kreis wird über Bücher geredet, und es werden Schriftsteller in die große neo-gothische Kirche zur Lesung eingeladen: Sechsmal im Jahr; das heißt: sie wurden eingeladen. Denn nun hat der Generalvikar des Erzbistums Köln Dominikus Schwaderlapp in einem Beitrag für den Pfarrbrief von Sankt Agnes erklärt, warum die Literatur nicht in die Kirche gehört:

O-Ton 2 Heckeley
Gegen einen solchen Dialog zwischen Kirche und Literatur ist überhaupt nichts einzuwenden, der muss nur seinen richtigen Ort haben, und die Kirche ist dafür nicht der richtige Ort. Eine Kirche ist ein Sakralraum, das heißt, er ist dem weltlichen Gebrauch entzogen.

So erklärt der stellvertretende Pressesprecher des Erzbistums, Christoph Heckeley, die Position der Kirchenleitung. Clemens Zahn ist es hingegen wichtig, dass die Lesungen in der Kirche und nicht in einem Pfarrsaal stattfinden:

O-Ton 3 Zahn
Weil man in der Kirche zu anderen Fragen kommt; ich glaube, dass der Raum was sehr entscheidendes ist; es ist ein Unterschied ob Autorinnen, gerade jüdische Autorinnen, die wir in der Vergangenheit häufig hatten, wo das Thema des Holocaust Themen auch der Bücher sind und waren. Es ist was anderes, wenn diese Bücher in einer Kirche vorgelesen werden oder in einem Pfarrheim. Die Fragen nach dem Warum stellen sich anders.

Unterstützung bekommen die Literaturliebhaber von Sankt Agnes vom Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards, für den die Heiligkeit des Kirchraums eine Lesung keineswegs ausschließt:

O-Ton 4 Gerhards
Wenn ich das Heilige als etwas der Welt Zugeordnetes und in die Welt auch Eindringende verstehe, dann ist gerade der sogenannte sakrale Raum sinnvollerweise ein Ort der Begegnung auch von Glaube und Welt und wäre damit auch ein privilegierter Ort, um mit der Kultur und mit der Kunst ins Gespräch zu kommen.

Christoph Heckeley hingegen wird grundsätzlich: Er will Christus, das Wort Gottes, von den anderen Wörtern trennen:

O-Ton 5 Heckeley
Im Kirchenraum steht aber das menschgewordene Wort, nämlich Christus selber, im Mittelpunkt. [...] Um es vielleicht mal etwas pointiert zu sagen: Deswegen hat neben diesem einen Wort, das im Kirchenraum wohnt, kein anderes Wort Platz.

O-Ton 6 Gerhards
Das hieße ja, dass ich eine Trennung mache zwischen Texten, die grundsätzlich in der Kirche gelesen werden dürfen und anderen, die grundsätzlich in der Kirche nicht gelesen werden dürfen. Wer macht die Unterscheidung? Wenn ich mir etwa die Liste derer, die in Sankt Agnes gelesen haben, dann sind das Dichterinnen und Dichter, deren Texte ich oft, zum Beispiel auch in Predigten verwende, die wir in Gottesdiensten durchaus verwenden, und sie als meditative Text im Kontext von Verkündigung und Gebet tatsächlich auch erklingen lassen.

Die Argumenten scheinen freilich nicht mehr zu zählen, nachdem der Generalvikar im Pfarrbrief erklärt hat, wie er die Dinge sieht. Dies will Heckeley freilich nicht als Verbot der Lesungen in Sankt Agnes verstanden wissen:

O-Ton 7 Heckeley
Wenn ich den Text hier durchlese: Der Generalvikar hat kein Verbot ausgesprochen, sondern der Generalvikar hat deutlich gemacht und darauf hingewiesen, welche besondere Qualität ein Kirchenraum hat, deswegen erübrigt sich ein Verbot. Bestimmte Dinge ergeben sich einfach aus einem Ort heraus oder aus einer Sache heraus, bestimmte Dinge sind dadurch möglich oder nicht möglich: Wenn ich zu einem bestimmten Fest gehe, dann ergeben sich da beispielsweise bestimmte Kleidungsvorschriften für mich, die brauch ich gar nicht zu diskutieren, die brauch ich nicht anzuordnen, die brauch ich nicht zu verbieten oder so. Das ergibt sich aus der Sache einfach heraus. Im Grunde ist das zu banal, darüber zu diskutieren.

Clemens Zahn gibt sich illusionslos:

O-Ton 8 Zahn
Ich sehe da, dass es innerhalb der katholischen Kirche klare Zuständigkeiten natürlich auch gibt und es anscheinend eine Definitionsmacht gibt, die ich anerkennen muss, und für meine Begriffe ist das das Ende von Literatur in Sankt Agnes im Kirchenraum.

WDR 5 Diesseits von Eden / 11.1.2009


Ihr Kommentar

Und was ist Ihre Meinung? Schreiben Sie einen Kommentar!