Die Unternehmer-Kirche.
Strategien haben im Protestantismus derzeit Vorfahrt vor den Inhalten.
„Es wird regiert.“ Das waren Karl Barths letzte Worte. Ausdruck seiner Zuversicht auf Gottes Handeln in und für die Welt. Die reformierte Tradition, der Barth angehörte, betonte immer schon stark Gottes vorsehendes Handeln. Auf der menschlichen Seite sollte dem einen göttlichen Regenten ein System von geteilter und sich gegenseitig kontrollierender Macht entsprechen. Seit Johannes Calvin, dessen 500. Geburtstag dies Jahr gefeiert wird, galt nicht mehr: „Ein Gott, ein König“, sondern: Ein Gott und viele Menschen, die leiten, damit niemand die Macht Gottes usurpiere.
„Es wird regiert.“ Das kann man auch sagen, wenn man heute das Handeln der evangelischen Kirchen betrachtet; zumindest wird mehr und unbefangener regiert als früher. Immer mehr wird von oben vorgegeben, immer seltener werden aufwändige Prozesse an der Basis organisiert.
Die Vorgaben von oben kommen zwar als unverbindliche „Impulse“ daher, aber sie verbinden sich mit der verbindlichsten aller irdischen Mächte, dem Geld, das sich angeblich EKD-weit bis zum Jahr 2030 um die Hälfte reduziert. So wird es jedenfalls im „Impulspapier“ „Kirche der Freiheit“ vorgerechnet, das seit 2006 die Überlegungen in den evangelischen Landeskirchen stark prägt.
Diese Prognose der Kirchenfinanzen ist willkürlich, da ihre Begründung – die negative demografische Entwicklung – irreführend ist: In den letzten Jahrzehnten haben die Kirchen bei abnehmender Zahl der Kirchenmitglieder weiterhin steigende Einnahmen gehabt. Die Kirchensteuer hängt zuförderst am Aufkommen der Einkommenssteuer – und das ist in den letzten Jahren stärker von der wirtschaftlichen Entwicklung und der Steuergesetzgebung beeinflusst worden als von der demografischen Entwicklung. Aber egal, die Zahl steht im Raum der Kirche und wird dort geglaubt.
So prägen Sparmaßnahmen und Fusionsbestrebungen das Leben der Kirchen und Gemeinden. Dass in den Jahren 2007 und 2008 die Kirchensteuer gestiegen ist, hat kaum jemand gemerkt. Prebyteriums- und Synodensitzungen zum Sparen und Fusionieren sind inzwischen Legion. Nun war man im Sitzen immer schon gut in der Kirche, aber während man sich bisher in der wahlweise gepriesenen oder gescholtenen „Dauerreflexion“ erging, geht es nun vermeintlich zielstrebiger zu: Das Management-Vokabular hat Einzug gehalten. So werden Strukturen verschlankt, Synergien genutzt und Kompentenzzentren errichtet. Dabei werden Mitarbeiter entlassen und Kirchgebäude verkauft – und zunehmend das Vertauen in die Kirche vor Ort unterminiert. Das betriebswirtschaftliche Denken ist in weiten Teilen der Kirche längst zur Leitwährung geworden. Mit seiner Hilfe soll es nicht nur ums Kürzen gehen, sondern man will – laut „Kirche der Freiheit“ – auch „gegen den Trend wachsen“.
„Die Erwartungen aus dem Impulspapier sind deutlich überzogen“, glaubt Isolde Karle, Professorin für Praktische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum. Es werde überschätzt, was man mit Strukturreformen ändern könne, so die Theologin. Die Selbstüberforderung könne zu größeren Depressionen führen als das Aushalten einer Situation. Statt nur über Strukturen zu reden, sollten sich Pfarrer über Inhalte austauschen: Was bedeuten Glauben, Sünde, Erlösung, Auferstehung eigentlich? Wie kann man über diese biblischen Vorstellungen so reden, dass die Menschen verstehen, was sie mit ihrem Leben zu tun haben und inwiefern sie heilsam für sie sind? „Seit Bultmann hat sich in puncto Aufklärungsverarbeitung nicht mehr viel getan“, so das Fazit von Isolde Karle. Strategien haben derzeit Vorfahrt vor Inhalten.
Das, was bei der Veröffentlichung des Impulspapieres noch den größten Aufschrei ausgelöst hat, die Fusion ganzer Landeskirchen, ist freilich längst kein Tabu mehr: Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland ist entstanden, die Bildung einer Nordkirche verabredet und in Niedersachsen wird über Fusionen nachgedacht. Das muss kein Fehler sein, dass der aus historischen Gründen zersplitterte Protestantismus sich in etwas größeren Landeskirchen präsentiert. Problematischer schon scheinen Fusionen auf den kleineren Ebenen, also bei Kirchenkreisen oder Gemeinden. Immer wieder lösen solche Zusammenschlüsse Unbehagen und Protest aus: Die Nähe der Kirche bei den Menschen dürfe nicht verloren gehen. Und: Die Gemeinden müssten eigentlich selber über solche Fragen entscheiden und nicht mehr oder minder von den höheren Einheiten dazu gezwungen werden.
Die Prozesse von Gemeindefusionen sind in den einzelnen Landeskirchen sehr unterschiedlich weit fortgeschritten, je nach dem, wie sehr finanziell und personell die Hütte brennt. Die Richtung vom Impulspapier ist: 80 Prozent aller Gemeinden sind derzeit herkömmliche Parochialgemeinden. Dies will man auf 50 Prozent runterkürzen zugunsten von Profilgemeinden und „netzwerkorientierten Angeboten“.
Isolde Karle findet, dass man keine Ressourcen von den Gemeinden abziehen sollte um weitere überregionale Spezial-Gemeinden zu finanzieren: „Was in den Ortsgemeinden verloren geht, das ist verloren.“ Die meisten niedrigschwelligen Angebote liefen nach wie vor über die Ortsgemeinde – und die müsse für die Menschen in erreichbarer Nähe sein. Trotz hoher Mobilität seien nicht alle Eltern bereit, ihre Kinder zum 20 Kilometer entfernten Kinderchor zu chauffieren. Es ginge vielmehr darum, die Gemeinden zu vitalisieren „anstatt sie zum Residuum der Vormoderne zu erklären“, so Karle.
Aber noch ist der Protestantismus sperriger als seinen Vordenkern lieb ist: Von den zwölf im Impulspapier angedachten „Kompetenzzentren“ sind zum Beispiel erst drei verwirklicht und dies auf schmaler Basis: Drei EKD-Stellen, also quasi Ein-Mann-Zentren, für die „Qualitätsentwicklung“ im Bereich Gottesdienst und Predigt und eines für die Förderung missionarischer Gemeindeentwicklung. Das ist weniger als vollmundige Erklärungen erwarten ließen. Weitere „Kompetenzzentren“ sind derzeit nicht in Sicht. Von Profilgemeinden und „netzwerkorientierten Angeboten“ werden vermutlich ähnlich bescheidene Resultate übrig bleiben.
Die Akkommodation an das betriebswirtschaftliche Denken ist aber auch an den Inhalten der Kirche nicht spurlos vorüber gegangen. Wie man eine Marke deutlich auf dem Markt platziert, so wird die Verkündigung „profiliert“, und damit marktkompatibel und konservativ zugleich. Wolfgang Hubers „Ökumene der Profile“ konnte man noch einiges abgewinnen, da der katholische Dialog-Partner, zumindest in der vatikanischen Zentrale, ebenfalls zu profilierten Äußerungen neigt. Da war Selbstbewusstsein angebracht. Das Profilzeigen gegenüber dem Islam in der Handreichung der EKD „Klarheit und gute Nachbarschaft“ zog sich aber schon den Protest von vielen Dialogbeauftragten der Kirchen zu: Statt „Klarheit und gute Nachbarschaft“ sahen sie in dem Papier Profilierung auf Kosten anderer, Abgrenzung und das Schüren von Angst vor dem Islam – also keine gute Nachbarschaft.
Die Basis war bei der Erarbeitung der öffentlich sehr gut wahrgenommenen Handreichung ebenso wenig einbezogen wie bei den letzten Denkschriften zum Thema Wirtschaft. Das war mal anders: Das Sozialwort der Kirchen von 1997 wurde durch einen breiten Konsultationsprozess an der kirchlichen und diakonischen Basis vorbreitet, weswegen das Papier auch wesentlich wirtschaftskritischer ausfiel als die jüngeren Äußerungen der EKD zum Thema. In der EKD-Denkschrift zur Armut wird die Bildung als Ausgang des Menschen aus seiner Armut gepriesen – ungeachtet der Tatsachen, dass in Zeiten struktureller Arbeitslosigkeit es auch keine Lösung sein kann, wenn alle Arbeitslosen besser ausgebildet sind. Noch peinlicher freilich war die Unternehmer-Denkschrift, in der der Rat der EKD bereits im Angesicht der Wirtschaftskrise das Lied vom ehrbaren christlichen Kaufmann anstimmte. Wenn die Unternehmer christlich erzogen und fest im Glauben sind, meistern sie auch „unerwartete Wertekonflikte“. Kritik am Wirtschaftssystem, das uns die Krise beschert hat? Fehlanzeige. So wenig Niveau war selten. „Es wird regiert“ heißt hier: Anpassung an die politischen und wirtschaftlichen Eliten im Staat, um sich als treuer Partner zu empfehlen.
Der offizielle Kirchenkurs bleibt dem alten Modell einer Betreuungskirche verpflichtet, in der eine Insidergruppe überlegt, wie sie ihr Produkt oder ihre Botschaft unter die Menschen bekommt. Die alte Betreuungskirche wird organisatorisch und inhaltlich aufgepeppt mit betriebswirtschaftlichem Denken. Lediglich der Beamtenstatus der Insidergruppe bleibt davon unberührt. Das Modell einer Beteiligungskirche, das eine Vision von unten entwirft, also von den Christen, die da sind und sich einbringen, das bleibt im protestantischen Deutschland vorerst ein verblassender Wunschtraum der sechziger und siebziger Jahre.
Publik Forum / 8.5.2009




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