Dialog gescheitert.

Navid Kermani bekommt den Hessischen Kulturpreis aberkannt.

Alle wollen Toleranz – auch und gerade zwischen den Religionen. Also sollte der Hessische Kulturpreis in diesem Jahr mal nicht für Musik und Literatur, sondern für Lebensleistungen im Felde der interreligiösen Kooperation verliehen werden. Die Jury mit Ministerpräsident Roland Koch fand nach einigen Mühen auch Preisträger aus allen drei großen monotheistischen Religionen: den Mainzer Kardinal Karl Lehmann, den ehemaligen evangelischen Kirchenpräsidenten Peter Steinacker, Salomon Korn vom Zentralrat der Juden und den islamischen Schriftsteller Navid Kermani. Doch dem wurde der Preis wieder aberkannt – weil die christlichen Preisträger Einspruch erhoben: Beide lehnten es ab, den Hessischen Kulturpreis zusammen mit dem Islamwissenschaftler und Schriftsteller Navid Kermani zu bekommen.

Er könne nicht zusammen mit einem anderen einen Preis annehmen, wenn dieser andere ihn für einen Gotteslästerer halte, so der ehemalige Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Peter Steinacker. Genauso sah das auch sein Stiefbruder in Christo, Kardinal Karl Lehmann. Die Jury des Preises entschied nach den Maßgaben politischer Opportunität: Die Kirchenfürsten werden geehrt, Kermani wurde der Preis wieder aberkannt. Mutiger wäre es gewesen, die Preisverleihung ganz abzusagen. – und alle Nominierten auf gleicher Augenhöhe zur Diskussion zu laden.

Aber hat Kermani Peter Steinacker als Gotteslästerer bezeichnet? Nein und grotestker noch: Der Text, auf den sich Steinacker und Lehmann beziehen, ist ein sehr persönliches Dokument eines interreligiösen Dialoges, den der gläubige Moslem Kermani mit einem Kreuzigungsbild in Rom erlebt hat. In der Neuen Zürcher Zeitung beschrieb Kermani wie ihn das Kreuzigungsbild von Guido Reni in San Lorenzo in Lucina tief berührte: Seine ursprüngliche Ablehnung des Kreuzes verwandelt sich beim Betrachten des Bildes: Bisher sah er im Kreuzsymbol eine Verherrlichung des Leidens, die er in der Tat als „Gotteslästerung“ qualifiziert. Dann aber ist Kermani überrascht, dass Reni Christus ohne übertriebenen Schmerz und Leiden gemalt hat. So wird Renis Christus transparent für das Leiden aller Menschen. Kermani erkennt in dem gekreuzigten Christus – wie vor ihm schon viele Christen – das Symbol für die Leiden aller Menschen vor Gott: Mein Gott warum hast Du uns verlassen? ruft Kermanis Christus. Auch aus christlicher Sicht kann man sagen: Eine beeindruckende interreligiöse Begegnung, die Kermani schildert.

Mehr noch. Kermani war vorsichtig genug, Sicherungen in seinen Text einzubauen: „Nicht, dass ich die Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als andere betende Menschen“, schreibt Kermani. Und weiter: „Andere mögen glauben, was immer sie wollen; ich weiß es ja nicht besser.“ Vielleicht liegt hier der Grund für das – höflich formuliert – Missverständnis: Das Gotteslästerungs-Verdikt zu Beginn seines Artikels ist Kermanis Glaubensüberzeugung neben der auch andere existieren dürfen. Kermani weiß um die Relativität und Unsicherheit seines Glaubens. Peter Steinacker und Karl Lehmann wissen es – ihrer Empörung nach zu urteilen – nicht.

Nur damit wir uns richtig verstehen: Dass Kermanis Sicht für gläubige Christen eine Provokation sein kann, ist klar. Aber fordern nicht die christlichen Vertreter in unserem Lande immer wieder, dass der interreligiöse Dialog ohne Tabus geführt werden müsse, dass man dem Dialogpartner auch schmerzhafte Fragen zumuten müsse – nach der Stellung der Frau und der Religionsfreiheit zum Beispiel. Aber wenn es von der anderen Seite ans theologisch Eingemachte geht, dann werden die Kirchenchefs empfindlich? Was wäre gewesen, fragt Steinacker allen Ernstes, wenn Kermani bei der Preisverleihung des Kulturpreises zur Kreuzestheologie geredet hätte? Ja, was wäre dann? Dann hätte man sehen können, ob Peter Steinacker genauso geistreich wie Kermani darauf antworten kann. Es muss doch möglich sein im interreligiösen Dialog auch ein radikales Unverständnis über die Dinge zu äußern, die der anderen Seite heilig sind. Bei einer solchen Ehrlichkeit, das zeigt Kermanis Text, kann das Bewusstsein in Bewegung geraten. Dass diese Ehrlichkeit immer für beide Seiten gilt, ist auch klar.

Oder ist das zu grundsätzlich? Hatten da nur zwei ältere Herren, die sich im Glanz einer staatstragenden Preisverleihung sonnen wollten, Angst, dass sie ein gewitzter Schriftsteller dabei herausfordern könnte?

Wie auch immer: Dass nun zwei hochrangige deutsche Kirchenvertreter geehrt werden für ihre Lebensleistung „in der interreligiösen Kooperation“ und genau im Prozedere um diese Verleihung sich für diesen Preis eigentlich disqualifizieren, das kann man wahlweise komisch oder tragisch finden – auf jeden Fall aber ist es symptomatisch. Fürs erste wird man festhalten müssen, dass der interreligiöse Dialog mit guten Gemälden älterer Epochen ertragreicher sein kann als der mit älteren deutschen Kirchenherren. Vielleicht auch ein Trost: Wenn die Dialogpartner versagen, bleibt noch die Kunst.

WDR 3 Resonanzen / 15.5.2009


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