Chance vertan.
Das Wort der Evangelischen Kirche zur Finanzklrise.
Nun mussten sich die Evangelische Kirche in Deutschland scharfe Kritik anhören, als sie vor einem Jahr eine Unternehmerdenkschrift veröffentlichte. Das schien nicht in die Zeit der Finanzkrise zu passen, dass noch mal das Loblied auf den christlichen Kaufmann gesungen wurde. Ja, so eine Denkschrift ist lange im Voraus geplant, das konnte keiner absehen, in welche Lage die treffen würde. Das mag ein Grund gewesen sein, dass nun der Rat der EKD meinte, er müsse zu eben dieser Lage, in die die Unternehmerdenkschrift nicht passte, noch was Passenderes sagen. Also stellte der Rat der EKD am Donnerstag eine Wort zur Lage vor.
Aber darauf hat die Welt nicht gewartet: Das Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise ist – mit einem Wort gesagt – entbehrlich. Was dort gesagt wird, ist nicht auch andernorts schon gesagt worden und so wie es dort gesagt wird, wird es auch niemandem weh tun: Der Rat der EKD ist für die Regulierung der Finanzmärkte, gegen Steueroasen, für ein nachhaltiges Wachstum, – ja, und bitte die Entwicklungsländer nicht vergessen! Das ist das Arsenal aller politischen Sonntagsreden, deren Problem nicht darin besteht, dass sie falsch sind. Im Gegenteil: das meiste geht – grob gesprochen – schon in in die richtige Richtung. Aber das Wort der Kirchen – ist eben auch wie all die Sonntagsreden – reichlich unverbindlich.
Aber schlimmer noch: Es ist von einer analytischen Schwäche, die an Peinlichkeit grenzt. Denn die Kirche tut das, was sie offenbar als Ihr Kerngeschäft ansieht: Sie redet von Moral. „Ausgangspunkt der Finanzmarktkrise ist nach dem weithin übereinstimmenden fachlichen Urteil ein Mangel an Verantwortung, bis hin zur Verantwortungslosigkeit“, lesen wir da. Es ist nur noch albern, die Wirtschaft zuerst in individualethischen Kategorien fassen zu wollen. Als wäre alles nicht so gekommen, wenn die Unternehmenschefs etwas anständiger gewesen wären.
Wenn es denn sein muss, will ich hier gerne noch mal einen großen Liberalen zitieren. Der Soziologe Max Weber erkannte recht klar, was die Entscheidungen der Menschen im Kapitalismus lenkt: Nämlich „weder ethische noch antiethische, sondern einfach anethische, jeder Ethik gegenüber disparate Erwägungen bestimmen das Verhalten in den entscheidenden Punkten. Diese ‚herrenlose Sklaverei’, in welche der Kapitalismus den Arbeiter oder Pfandbriefschuldner verstrickt, ist nur als Institution ethisch diskutabel, nicht aber ist dies das persönliche Verhalten eines der Beteiligten.“
Das mag überspitzt formuliert sein, geht aber dafür nicht nur grob, sondern stracks in die richtige Richtung: Zuerst muss man mal über grundlegende Mechanismen des Systems reden. Dann blieben uns Sätze wie dieser erspart: „Die Wirtschaft ist um des Menschen willen da, sie ist kein Selbstzweck. Wo das Geld zum Mittelpunkt wird, wird das Wirtschaften unmenschlich“, lesen wir in dem EKD-Wort. Ja bitte, wo leben die denn? Der Kapitalismus zeichnet sich dadurch aus, dass Kapital zu seiner Vermehrung investiert wird – sei es in Produktion oder in Spekulation. Dass damit die Geldinteressen das Wirtschaftsgeschehen bestimmen – also in ihrem Mittelpunkt stehen – ist doch nicht eine Fehlentwicklung der letzten Jahre, sondern ein grundlegendes Kennzeichen unseres Wirtschaftssystems. Dieses System aber wird nach evangelischer Väter Sitte mit dem Namen Soziale Marktwirtschaft bedacht, die es weiterzuentwickeln gelte: Ein bisschen globaler und ein bisschen ökologischer.
Wann wenn nicht jetzt wäre die Zeit über wirkliche Alternativen nachzudenken? Man muss ja nicht gleich die Revolution ausrufen, aber – um nur ein Beispiel zu nennen – es gibt progressive Ideen zum bedingungslosen Grundeinkommen. Die gab es auch mal im Raum der Kirche. Diese Ideen können durchaus systemverändernde Implikationen haben.
Dass aber die Kirche einmal mehr nicht bei denen zu finden ist, die den Dingen an die Wurzel gehen, die eine echte Alternative – nicht schon kennen – aber wenigstens suchen, das ist einfach nur traurig.
WDR 5 Diesseits von Eden / 5.7.2009




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