Unten durch.
Günter Wallraffs neuer Film "Schwarz auf Weiß"
Natürlich fehlte bei der Premiere wieder nicht der Hinweis, das „wallraffen“ im Schwedischen soviel wie investigativ recherchieren bedeute. Aber die Frage muss erlaubt sein, wo Günter Wallraff in seinem neunen Film investigativ recherchiert hat, ja ob er überhaupt als Journalist zu bewerten ist oder nicht vielmehr als Schauspieler. Als letzterer sah er mit seiner Afro-Perücke und dem Schnauzbart, dem bunten Hemd und der gelben Stofftasche nicht wahnsinnig überzeugend aus, aber das sind Äußerlichkeiten. Er stolpert naiv und ein wenig aufdringlich und mit leicht gebrochenem Deutsch durch Deutschland, darin spiegelt er vermutlich nur das Vorurteil der sich liberal verstehenden Mittelschicht: Die Schwarzen sind doch liebe nette Menschen, die hier leider nicht mitspielen dürfen. Echte Schwarze agieren anders.
Ja, Wallraff erlebt Ablehnung und offene Feindschaft als Kwami Ogonno. Das ist furchtbar, und es ist entlarvend, wenn seine Teamkollegen als Weiße kurz nach ihm die Reaktionen der Menschen einfangen, die ihren Rassismus, den sie dem Schwarzen gegenüber nicht zu zeigen trauten, nun offenbaren oder sich versuchen selber rechtfertigen, weil sie nicht als rassistisch gelten wollen, und damit alles nur noch schlimmer machen.
Aber dafür braucht man beileibe keinen Wallraff! Der Mann, der bei Bild Hans Esser war, hatte seine Berechtigung, weil er als Hans Esser Sachen herausbekam, die ihm keiner der BILD-Kollegen erzählt hätte. Aber warum hier ein geschminkter Wallraff mit der Knopflochkamera begleitet wird und nicht ein echter Schwarzer oder besser echte Schwarze – dafür gibt es nur eine Erklärung: Ein Film mit Wallraff verkauft sich besser. In ihm kann sich die Mittelschicht spiegeln, weil hier einer stellvertretend gutmenscht, was das Zeug hält: Er stellt sich doch an die Seite der Schwarzen und deckt den Rassismus auf. Zu diesem Blick der Bourgeoisie passt auch, dass fast nur Dauercamper, Fußballfans, Kleingärtner und Eckkneipenbesucher gezeigt werden, von denen die gutsituierte Mittelschicht doch immer schon wusste, dass sie dumpf rassistisch seien. Man lehnt sich beruhigt zurück.
Wenn man nicht einen Film über Wallraff, sondern über Schwarze in Deutschland hätte machen wollen, dann hätte man viel mehr Szenen einfangen können, und hätte auch leichter den Rassismus der bürgerlichen Mittelschichten abbilden können, in dem man Schwarze Kinder, Frauen, Jugendliche und Männer mit der Knopflochkamera begleitet oder in dem man die gutsituierten weißen Eltern aufsucht, die ihre Kinder lieber mit dem Auto durch die Gegend fahren als in den nächsten Kindergarten zu schicken, weil der einen zu hohen „Ausländeranteil“ hat. Aber da immer diese Schnauzbart durchs Bild wanken musste, waren Szenen im Kindergarten nicht möglich. Aber ein Film über Schwarze in Deutschland hätte ja auch niemanden interessiert.
Schade, denn die besten Szenen des Films waren die seltenen Momente, in denen echte Schwarze von ihren Erfahrungen erzählten. Das war ergreifend, und es wäre die Aufgabe eines Journalisten gewesen, sich solche Erfahrungen erzählen zu lassen und echte Schwarze zu begleiten. Stattdessen erzählte uns Wallraff wie er sich als Freizeit-Schwarzer fühlte. Das hat dann auch mit Schauspielerei nichts mehr zu tun: Wallraff auf Selbsterfahrungstrip oder: der Mann, der im Film Günter Wallraff war.
Webtext / 22.10.2009




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