Die sind doch nicht böse.

Die evangelische Kirche entdeckt die Eliten.

Eliten könnten mitunter den Eindruck gewinnen, dass sie mit ihrem Stil, ihren Themen, ihren Bedürfnissen in der evangelischen Kirche nicht genügend vorkommen. Mit diesen Worten stellte Marlehn Thieme, Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Direktorin der Deutschen Bank, kürzlich eine Stellungnahme des Rates vor. Der Rat hatte versucht, das Verhältnis der Kirche zu den gesellschaftlichen Eliten, besonders zu denen, die evangelisch sind, neu zu formulieren.

»Evangelische Verantwortungseliten« heißt diese Stellungnahme. Der Text solle die Zugehörigkeit gesellschaftlicher Eliten zur Kirche neu betonen und die Offenheit verschiedener kirchlicher Milieus füreinander fördern, beschrieb Thieme das Ziel der Stellungnahme. Im Vorwort des Ratsvorsitzenden, Präses Nikolaus Schneider, heißt es: »Die evangelische Kirche hat diesen Eliten viel zu verdanken. In den vergangenen Jahrzehnten drohte ein falsch verstandener Egalitarismus in unserer Kirche zu verhindern, dass evangelische Verantwortungseliten ihre Kraft entfalten konnten.«

Man reibt sich verwundert die Augen: Hat man auf kirchenleitender Ebene nicht immer den Kontakt zu gesellschaftlichen Eliten, sei es aus Politik, Wirtschaft oder Kultur, gesucht und gefunden? Man denke nur an all die Politikerinnen in leitenden oder beratenden Gremien der Kirche. Warum erscheint es dem Rat der EKD jetzt dringlich, sich zu Eliten zu äußern? Und: Warum darf eine Direktorin der Deutschen Bank, also eine Vertreterin der Eliten, die sich in den letzten drei Jahren zu Recht Kritik anhören mussten, für die Kirche die Parole ausgeben: Seid doch bitte netter zu den Eliten?

Eine Antwort auf diese Fragen gibt Stephan Klinghardt, Geschäftsführer des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer in Deutschland (AEU). Das Thema Eliten sei bei Diskussionen im AEU bearbeitet worden und – unter anderem – von dort »in EKD-Gremien eingesickert«.

Der 1966 gegründete AEU, ein Zusammenschluss von evangelischen Unternehmern, leitenden Angestellten aus der Wirtschaft und Leitern diakonischer Einrichtungen, versteht sich als eine Art Lobby für Unternehmerinteressen innerhalb der EKD. Auf der Homepage des AEU kann man nachlesen: »Evangelische Unternehmer wollten damals die Diskussion um gesellschafts- und sozialpolitische Fragen nicht allein den kirchlichen Arbeitnehmergruppen oder der landeskirchlichen Industrie- und Sozialarbeit überlassen. Der AEU hat sich seither als ein Bindeglied zwischen Kirche und Wirtschaft bewährt, in vielen Veranstaltungen und Publikationen seine Position vertreten, Verbindung zu kirchenleitenden Persönlichkeiten und Gremien gehalten.«

Das »Einsickern« von Themen in kirchenleitende Gremien ist also ein lange geübtes Geschäft des AEU. Im Fall des Verantwortungspapieres half beim Sickern sicher enorm, dass Marlehn Thieme sowohl im Vorstand des AEU als auch Mitglied im Rat der EKD ist und noch dazu im Rat als Vorsitzende der Arbeitsgruppe für das Elitenpapier benannt wurde.

Aber Stephan Klinghardt will nicht zuviel der Ehre für den AEU reklamieren. Was genau die EKD mit dem Papier gewollt habe, dazu müsse man beim Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD, Thies Gundlach, nachfragen. Gundlach saß als Mitarbeiter des Kirchenamtes in der Arbeitsgruppe zu den Verantwortungseliten – und war früher einmal theologischer Berater des regionalen Arbeitskreises Hamburg/Schleswig-Holstein des AEU.

Gundlach seinerseits verweist auf den innerevangelischen Reformprozess. Bereits beim siebten »Leuchtfeuer« der Reformschrift »Kirche der Freiheit« sei darauf hingewiesen worden, dass man mit Eliten anders umgehen müsse. So sei das Thema auch aus der Steuerungsgruppe des Reformprozesses an den Rat herangetragen worden.

Das spricht freilich nicht gegen das »Einsickern« von Seiten des AEU: Die Reformschrift »Kirche der Freiheit« wurde von einer zwölfköpfigen Kommission erarbeitet, in der neben Gundlach und Thieme auch noch die AEU-Mitglieder Peter Barrenstein, ehemaliger Partner bei der Beraterfirma McKinsey, und der ehemalige Kirchenpräsident Eckhart von Vietinghoff saßen; dazu aus dem AEU-Kuratorium der Theologieprofessor Klaus Tanner. In der ebenfalls zwölfköpfigen Steuerungsgruppe zum EKD-Reformprozess sitzen wiederum Thieme und Barrenstein. Das Projektbüro zum Reformprozess wird von Thies Gundlach geleitet. Kurz: Im Reformprozess der Kirche hat der Unternehmer-Arbeitskreis einige Möglichkeiten, etwas »einsickern« zu lassen.

Dass das Agenda-Setting des Reformprozesses wenigstens zum Teil auf fruchtbaren Boden fällt, zeigt das Beispiel der badischen Landeskirche. Dort hat man eine Projektstelle für »Junge evangelische Verantwortungseliten« eingerichtet: Drei Jahre lang hatte der Theologe Georg Lämmlin diese Stelle besetzt. Es sei darum gegangen, Wege zu finden, wie man junge Akademiker - mutmaßliche künftige Eliten - für die Themen der Kirche sensibilisieren und damit auch für ein Engagement in der Kirche gewinnen könne, so Lämmlin zu seiner Aufgabe. Außerdem habe er versucht, mit Menschen, die bereits Führungspositionen wahrnähmen, über kirchliche Themen ins Gespräch zu kommen.

So habe er zum Beispiel mit Leuten aus der Wirtschaft über die Studie »Zukunftsfähiges Deutschland« gesprochen – was nicht einfach sei: »Für viele ist nicht erkennbar, dass das Nachhaltigkeitsthema für sie interessant sein kann.« Trotzdem gehe es darum, mit den kirchlichen Themen »dialogfähig« zu bleiben und die Dilemmata der Wirtschaftsleute zwischen gesellschaftlicher und unternehmerischer Verantwortung anzuerkennen. »Sie können natürlich auch zum Desertieren aufrufen«, aber wie er das sagt, klingt es, als habe Lämmlin genau dies nicht getan. Das Eliten-Papier der EKD werbe dafür, so Lämmlin, Menschen in Spitzenpositionen, die in solchen Dilemmata steckten, Seelsorge anzubieten.

Die Mainzer Theologieprofessorin Christiane Tietz, Mitglied im Rat der EKD, hat bei der Schlussredaktion des Eliten-Papieres mitgewirkt. Sie sieht die Beschreibung einer evangelischen Verantwortungselite eher als Aufruf, Christen unter den Eliten bei ihrer Verantwortung zu packen.

Für den Leser bleibt freilich mitunter unklar, ob der Begriff Verantwortungselite in der EKD-Schrift eine Gruppe von Menschen beschreibt oder eine Norm, der die Menschen gerecht werden sollen. Je nach ideologischem Temperament wird man das eine oder andere stärker aus dem Text herauslesen können.

Für Tietz hat die Schrift eine innerkirchliche Stoßrichtung: Die Reichen und Einflussreichen sollten nicht als böse, sondern als evangelische Christen wahrgenommen werden. Tietz findet, dass solch eine Mahnung angebracht sei, da es im kirchlichen Raum durchaus einseitig negative Wahrnehmungen der Eliten gebe.

Axel Noack, ehemaliger Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, kann mit dem Eliten-Papier nicht viel anfangen. »Das wird uns im Osten nicht sonderlich bewegen«, sagt er. Noack verweist auf eine aktuelle Studie, wonach sechzig Prozent der Konfirmanden im Bereich der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland Gymnasiasten seien. Die typisch kirchliche Klientel seien »die bisschen besser Gestellten«. Ein größeres Problem als der Kontakt zu den Eliten sei, dass die Kirche die sozial Schwachen nicht mehr erreiche.

Das ist wohl nicht nur im Osten der Republik so. Aber diese Gruppe hat in der Evangelischen Kirche offensichtlich gerade nicht so eine gute Lobby wie die, die sich zu den Eliten rechnen.

Publik Forum / 29.7.2011


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