Für einen Abschied vom Wachstum.
Ist es ein Modethema geworden oder es ist die Zeit dafür einfach reif? Im letzten Jahr wurde oft über eine Wirtschaft ohne Wachstum diskutiert; der Bundestag hat sogar eine Enquete-Kommission eingesetzt, die „Wege zu nachhaltigem Wirtschaften“ erkunden soll. Viele erkennen, dass das Wachstum des Bruttosozialproduktes die Menschen in unseren Breiten nicht glücklicher macht und fordern alternative Berechnungsmodelle für wirklichen Wohlstand. Aber ist das alles nur eine Frage von neuen wirtschaftspolitischen Leitvorstellungen oder braucht es für eine Wirtschaft ohne Wachstum ein neues Wirtschaftssystem? Wohl eher letzteres.
Ein Acker zwischen Bahnlinie und Landstraße, im Westen von Köln. Christiane Haas steht auf ihrer 50-Quadratmeter-Parzelle.
O-Ton 1 Haas
Eine Parzelle kostet 140 Euro pro Saison. Dafür pflanzt der Vermieter, ein Biobauer, auch rund 30 Gemüsesorten auf jedes Stück Land. Die Großstädter müssen nur noch ernten. Für Niko Paech, Ökonom von der Universität Oldenburg, ist das ein Teil einer Postwachstumsökonomie:
O-Ton 2 Paech
Paech ist kein „Zurück-zur-Natur“-Freak, sondern Produktionswissenschaftler. Er untersucht Produktionsketten. Dabei gelte: je länger die Kette, desto größer der Naturverbrauch. Und wenn mehr investiert werde, habe das denselben unangenehm Effekt. Die Wirtschaft wachse, selbst wenn in nachhaltige Produkte investiert werde:
O-Ton 3 Paech
Paech hält die Vorstellung, dass eine Wirtschaft wachsen und zugleich den Ressourcenverbrauch senken könne, für eine Illusion. Seine Devise lautet: Es muss weniger investiert, produziert und konsumiert werden. Das bedeutet aber auch: eine massive Reduktion der Arbeit. Wenn die gerecht verteilt würde, hätte jeder nur noch einen Halbtagsjob – und damit natürlich auch weniger Geld.
O-Ton 4 Paech
Selbermachen statt kaufen, leihen statt besitzen, reparieren statt wegwerfen - eine Lebensform, die über Internetplattformen immer mehr Anhänger bekommt. Den meisten geht es wohl wie Christine Haas, nicht um die Volkswirtschaft.
O-Ton 5 Haas
Aber: Der Acker ist nicht genug. Wenn Paech recht hat, dass jede neue Investition das Wachstum der Wirtschaft forciert und den Naturverbrauch ebenso, dann muss weniger investiert werden. Die Investition aber beginnt in unserer Wirtschaftsform mit dem Kredit. Das heißt, die Möglichkeit neues Geld in Form von Krediten zu schaffen, müsste eingegrenzt werden. Der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger setzt sich dafür ein, dass nicht mehr die Privatbanken, sondern nur noch die Zentralbank neues Geld schöpfen soll:
O-Ton 6 Binswanger
Es reicht also nicht, nur nach neuen wirtschaftspolitischen Leitideen Ausschau zu halten, man muss an die Grundlagen unseres Wirtschaftssystems ran, wenn man eine Ökonomie ohne Wachstum will.
WDR 5 Politikum / 2.1.2012
O-Ton 1 Haas
Ich glaub im letzten Jahr haben wir dann bis tief in den Dezember sowieso nur komplett eigenes Gemüse gehabt und dann über den Winter verteilt halt dann die Sachen, die im Tiefkühler Platz gefunden haben.
Eine Parzelle kostet 140 Euro pro Saison. Dafür pflanzt der Vermieter, ein Biobauer, auch rund 30 Gemüsesorten auf jedes Stück Land. Die Großstädter müssen nur noch ernten. Für Niko Paech, Ökonom von der Universität Oldenburg, ist das ein Teil einer Postwachstumsökonomie:
O-Ton 2 Paech
Also das Urban Gardening, das heißt, das Menschen wieder anfangen die Nahrungsmittelproduktion selbst mitzugestalten, nicht in Gänze, das wird nie möglich sein, ein Land wie die Bundesrepublik nur über urbane Subsistenz […], also da die Nachfrage zu befriedigen. Aber man kann einen gewissen Anteil der bisherigen industrialisierten Nahrung, […] kann man auf diese Weise substituieren.
Paech ist kein „Zurück-zur-Natur“-Freak, sondern Produktionswissenschaftler. Er untersucht Produktionsketten. Dabei gelte: je länger die Kette, desto größer der Naturverbrauch. Und wenn mehr investiert werde, habe das denselben unangenehm Effekt. Die Wirtschaft wachse, selbst wenn in nachhaltige Produkte investiert werde:
O-Ton 3 Paech
Wann immer in neue Anlagen, in neue Technologien, Infrastruktur, Produktionsaggregate investiert wird, bedeutet diese Investition alleine, dass also die Kaufkraft der Volkswirtschaft steigt.
Paech hält die Vorstellung, dass eine Wirtschaft wachsen und zugleich den Ressourcenverbrauch senken könne, für eine Illusion. Seine Devise lautet: Es muss weniger investiert, produziert und konsumiert werden. Das bedeutet aber auch: eine massive Reduktion der Arbeit. Wenn die gerecht verteilt würde, hätte jeder nur noch einen Halbtagsjob – und damit natürlich auch weniger Geld.
O-Ton 4 Paech
Aber sie haben eben weitere 20 Stunden, die man hernehmen kann um daraus sogenannte Subsistenz-Inputs zu formen. Das sind drei Dinge: Zeit, handwerkliche […] manuelle Kompetenz und die Neuschöpfung oder Reaktivierung von sozialen Beziehungen.
Selbermachen statt kaufen, leihen statt besitzen, reparieren statt wegwerfen - eine Lebensform, die über Internetplattformen immer mehr Anhänger bekommt. Den meisten geht es wohl wie Christine Haas, nicht um die Volkswirtschaft.
O-Ton 5 Haas
Das macht einfach Spaß. […] Ich kauf mir halt keine doofen Billig-Möhren, ich kann hierhin gehen und mir ne Möhre aus der Erde ziehen. Das ist einfach cool.
Aber: Der Acker ist nicht genug. Wenn Paech recht hat, dass jede neue Investition das Wachstum der Wirtschaft forciert und den Naturverbrauch ebenso, dann muss weniger investiert werden. Die Investition aber beginnt in unserer Wirtschaftsform mit dem Kredit. Das heißt, die Möglichkeit neues Geld in Form von Krediten zu schaffen, müsste eingegrenzt werden. Der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger setzt sich dafür ein, dass nicht mehr die Privatbanken, sondern nur noch die Zentralbank neues Geld schöpfen soll:
O-Ton 6 Binswanger
Es sollte die Zentralbank von vornherein die Initiative ergreifen können, in dem die Banken nur insoweit Kredite selber geben, als die Zentralbanken selber ihnen bereits Gelder zur Verfügung gestellt haben. Dann bekommen die Zentralbanken mehr Verantwortung, aber mit dieser Verantwortung auch mehr die Möglichkeit, diese spekulativen Auswüchse der Wirtschaft zu reduzieren und vielleicht auch in mehr umweltkonforme Schranken zu setzen.
Es reicht also nicht, nur nach neuen wirtschaftspolitischen Leitideen Ausschau zu halten, man muss an die Grundlagen unseres Wirtschaftssystems ran, wenn man eine Ökonomie ohne Wachstum will.
WDR 5 Politikum / 2.1.2012




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