Die Weltlage ist mehr als beunruhigend und alte Gewissheiten sind überholt. Meine Eltern haben als Kinder noch Krieg erlebt und ich denke an Flucht. Gibt es einen Weg, auf dem Trost und Beruhigung zu finden sind?
Meine Mutter hat mich vor drei Jahren nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine gefragt, ob ich denke, dass es bei uns wieder Krieg geben wird. Nein, habe ich gesagt, bei uns doch nicht. Meine Mutter war sechs Jahre alt, als sie die Bombardierung von Paderborn erlebt hat, wohin sie evakuiert worden war. Mitte des Jahres 1945 kehrte sie mit ihrer Mutter und den Brüdern zurück in ihre Heimatstadt Zweibrücken, das – so kann man es nachlesen – zu 90 Prozent zerstört worden war. Was mag das Mädchen empfunden haben, als sie ihre bisherige Welt in Trümmern sah?
Mein Vater musste, wenn es morgens in der Schule Fliegeralarm gab, als Zehnjähriger nach Hause laufen, ins rund sechs Kilometer entfernte Nachbardorf. Über die Landstraße. Dort waren Erdlöcher ausgehoben, in die man sich kauern konnte, um Schutz zu finden vor den Jagdbombern. Aber an einer Stelle war eine Zementfabrik von beiden Seiten dicht an die Straße herangebaut. Dort gab es keinen Schutz. Diese Passage und die Todesangst, die er dort erlebt hatte, verfolgten meinen Vater bis in seine Träume als erwachsener Mann.
»Ich habe meine Angst und die Angst meiner Mutter. Ich habe die Angst meines Vaters. Die Angst von Oma F und Opa F. Die Angst von Oma G und Opa O. Ich habe die Angst unseres Dorfes und die Angst des Neubaugebiets.« So berichtet es die Protagonistin in dem neuen Roman »Lebensversicherung« von Kathrin Bach. In der Tat prägen die Ängste aus der Familie und der Nachbarschaft die eigene Wahrnehmung; am stärksten vererben sich wohl die Ängste der Eltern. Denn auch wenn ich meine Mutter vor drei Jahren zu beruhigen versuchte auf die Frage, ob der Krieg bis zu uns kommen könne: Auch ich habe Angst vor Krieg. Hatte ich vor drei Jahren und habe ich jetzt noch mehr.
Ich fange an, mich mit meiner Frau und meinen Freunden darüber zu unterhalten, ob wir im Ernstfall einen Fluchtort haben: Sei es ein anderes Land oder einen vermeintlich ruhigen Flecken irgendwo in der Nähe, der weniger davon bedroht ist, bombardiert zu werden als die Großstadt Köln, wo ich lebe und an deren Peripherie es wichtige Industrieanlagen gibt. Muss man sich um so einen Ort nicht rechtzeitig bemühen – noch bevor der Ernstfall eintritt? Meine Eltern haben beide als Kinder ihre Heimatstadt Zweibrücken rechtzeitig verlassen. Wohin aber könnte ich mich
in Sicherheit bringen? Ich weiß es nicht.
Meine Angst, so scheint mir, bekommt ihre Wucht aus der Erfahrung meiner Vorfahren: Sie enthält noch die Angst von Kindern, die ihre Welt haben einstürzen sehen und die kein sicheres Loch hatten, in das sie sich verkriechen konnten. Und die Angst von deren Vätern und Müttern, die dem Krieg ebenfalls hilflos gegenüber standen. In der Generation meiner Eltern hat diese Angst zu allerlei Sicherungsmechanismen geführt – vor allem dazu, wo immer es ging, Wohlstand aufzubauen, um sich mit Geld und Gütern vor dem möglichen Einsturz retten zu können.
Kein Volk von Helden mehr
Kollektiv haben die Menschen in der BRD nach dem Krieg Sicherheit in der Westbindung gesucht, also in der Mitgliedschaft in der Nato. Wir sind zum großen Bruder Amerika gerückt unter seinen Nuklearschirm. Amerikas Waffen und Kommandostrukturen in Deutschland sollten uns schützen. Nun wird auf einmal diese enge Verbindung zu den USA fraglich mit einem unberechenbaren Präsidenten in Washington. Ein mögliches Auseinanderfallen der Achse USA-Europa schiene mir eine viel größere Zeitenwende als die, die vor drei Jahren ausgerufen wurde. Bisher konnte ich, ein Kind der 1970er-Jahre, mir das Weltgeschehen noch als Rückkehr des Kalten Krieges notdürftig erklären. Das Gleichgewicht des Schreckens kannte ich. Jetzt aber denke ich: Eine Welt, die womöglich von drei mehr oder weniger ausgeprägten Autokratien – USA, Russland, China – dominiert wird, die kenne ich nicht. Die lässt mich völlig plan- und hilflos in die Zukunft blicken. Müssen wir Europas Sicherheit wirklich darin suchen, in ganz neuem Umfang aufzurüsten, um den möglichen Wegfall amerikanischer Bündnistreue zu kompensieren, so wie es jetzt fast alle laut rufen. Müssen wir endlich erwachsen werden und auf eigenen militärisch starken Beinen stehen?
Oder ist das nur wieder einer der alten Sicherungsversuche gegen die Angst, die dieselbe eigentlich nicht beruhigt, sondern in eine Spirale führt, also immer neue Ängste gebiert? Europa fühlt sich nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine bedroht und investiert kräftig in die Rüstung. Besonders die Länder an der Nato-Russland-Grenze suchen militärische Verstärkung. Was Russland wiederum als Bedrohung auffassen kann, um seine Rüstungsanstrengungen
zu vergrößern. Wann endet diese Spirale?
Die Traumata der Kriegskinder haben ein ambivalentes Erbe hinterlassen: Ein Teil der Angst lässt uns in die brüchigen Sicherungen fliehen. Ein anderer Teil dieser spezifisch deutschen Angst hat tief im kollektiven Unbewussten abgespeichert, dass Krieg eines der größten Übel ist, das es unbedingt zu vermeiden gilt. Ein Übel, an dem man sich besser nicht beteiligt: Deswegen war die Einführung der Bundeswehr umstritten und deswegen ist bis heute das Verhältnis der Deutschen zu ihren Soldaten eher spröde. Jüngst gaben bei einer Forsa-Umfrage nur 36 Prozent der befragten Menschen in Deutschland an, ihr Land bei einem Angriff »wahrscheinlich« oder »auf jeden Fall« mit der Waffe zu verteidigen. 60 Prozent lehnten das ab. Das unterscheidet sich signifikant von anderen europäischen Ländern. Die Angst hat aus einem Land, in dem das dumme Ideal des Helden galt, ein Land von Refuseniks gemacht: Macht euren Krieg bitte ohne mich.
Das Leben siegt durch Liebe
Auch ich will in keinen Krieg, weiß aber immer noch nicht, wohin ich fliehen kann, falls es so weit kommt. In dem beeindruckenden Dokumentarfilm »Das Ende der Welt, wie wir sie kennen« wird ein amerikanischer Militärveteran begleitet, der sich einen privaten Bunker gekauft hat – für den wie auch immer gearteten Ernstfall. Im Gespräch mit einer Einwohnerin eines nahe gelegenen Dorfes kommt er ins Grübeln: Die erklärt ihm nämlich, das er beim Kauf des Bunkers »verarscht« worden sei: »Du schottest dich ab, aber wir sind eine Familie.« Jeder in dem Örtchen würde für
den andren einstehen. Das helfe, falls es zu einer Katastrophe komme. Das erinnert mich an Erzählungen der Eltern aus der Nachkriegszeit: Wer geholfen oder Hilfe verweigert hat – das blieb ihnen im Gedächtnis. Es kommt auf die Verbindungen an, die Menschen untereinander haben.
Tatsächlich scheint die Kooperation, die tiefe Verbindung zwischen Lebenden, ein Strukturprinzip der Welt zu sein – unter Menschen würden wir von Liebe sprechen: Bäume und Pilze kommunizieren miteinander und helfen sich, Blüten und Bienen sind aufeinander angewiesen, Vögel picken den Krokodilen die Essensreste aus den Zähnen. Und noch etwas zeigt die Natur: Nämlich, dass sich das Leben zyklisch erneuert. »Freunde, dass der Mandelzweig, wieder blüht
und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, das die Liebe bleibt?«, schrieb der jüdische Journalist und
Religionswissenschaftler Schalom Ben-Chorin 1942. Die Schrecken von Krieg und Verfolgung waren ihm gewärtig: »Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.« Kann ein Mandelzweig über den Tod von Tausenden hinwegtrösten? Sicher nicht. Aber der Zweig ist ein Hinweis, dass es in der Welt eine Kraft der Erneuerung gibt, die kein Potentat schaffen noch gänzlich zerstören kann. Tatsächlich tröstet es
mich, dass ich im Frühling wieder neues Leben entstehen sehe. Selbst die radioaktive Verseuchung rund um Tschernobyl, so viel Leid sie auch verursacht hat, konnte das Leben dort nicht auslöschen. Im Sperrgebiet entsteht eine neue wilde Flora und Fauna. Das Leben bleibt Sieger.
»Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.« Das Leben gewinnt nicht durch Kraft und Macht, nicht der Stärkere gewinnt. Der Rückbezug zu der ersten fast parallel formulierten Strophe von Ben-Chorins Gedicht macht klar, »wie das Leben siegt«: nämlich durch Liebe. Durch Verbindung und Kooperation. Bei Pflanzen und Tieren, aber auch unter den Menschen: Statt eine Fluchtroute zu planen, obwohl ich jetzt kaum sagen kann, wohin es sinnvoll wäre zu gehen, will ich darauf vertrauen, dass mich die Liebe zwischen mir und meiner Frau hält und wir Verbindungen zu Menschen und der Natur finden, die bleiben und tragen, auch wenn es zu einer Katastrophe kommen sollte.
Und es will mir nicht aus dem Kopf, ob das nicht auch ein Modell sein kann, den politischen Fragen zu begegnen. Zwischen Staaten gibt es keine Liebe – ein Fingerzeig, dass sie nicht zu den letzten uns bestimmenden Realitäten gehören –, aber es gibt vielleicht Kooperationen auf der Basis von gemeinsamen Interessen. Man kann, wenn man die Angst vor dem Feind etwas beruhigt hat, erkennen, dass diesseits und jenseits der Frontlinie ähnliche Interessen im Spiel sind: Keinem Staatenlenker ist damit gedient, das Wohlergehen des eigenen Volkes durch grenzenlose Rüstung
zu gefährden. Für beide Seiten ist es vernünftig, die Waffen kontrolliert zu reduzieren, um sie dereinst ganz niederzulegen. Vielleicht klappt es dann, dass weder meine Mutter noch ihr Enkelkind erleben müssen, wie ihre Welt einstürzt.
Publik-Forum vom 21.3.2015