Ein internes Dokument zeigt, wie die Kirchen sich auf den Krieg vorbereiten. Eine offene Diskussion gibt es darüber nicht.
Kriegstüchtig sollen Bundeswehr und Gesellschaft nach den Vorstellungen von Verteidigungsminister Boris Pistorius werden. Ein umstrittener Begriff. In der neuen Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wird er dennoch mit viel Verständnis gewürdigt: Es gehe um die Fähigkeit, die eigenen Werte zu verteidigen, darum, »wie Soldatinnen und Soldaten befähigt werden können, eine militärische Auseinandersetzung erfolgreich zu bestehen«. Dazu will auch die EKD ihren Beitrag leisten und lässt seit rund eineinhalb Jahren ein Konzept ausarbeiten, wie sie sich auf einen Krieg vorbereiten kann. Die katholische Kirche wurde inzwischen mit einbezogen. Publik-Forum liegt das »Ökumenische Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall« in einer Fassung vom September diesen Jahres vor. Es ist ein internes Arbeitspapier, doch geheim sind diese Überlegungen nicht.
Der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg spricht gern davon: Die Militärseelsorge müsse sich vom Verteidigungsministerium fragen lassen, ob sie im Kriegsfall in der Lage sei, sich an der Nato-Ostflanke um Verletzte zu kümmern, Rücktransporte zu begleiten, Todesnachrichten zu überbringen und Bestattungen durchzuführen, erklärte Felmberg schon vor über einem Jahr im Berliner Tagesspiegel. Diese Aufgabe könne er mit 104 evangelischen Militärgeistlichen nicht leisten; dafür brauche es die ganze Kirche. Deshalb habe er von der Kirchenkonferenz der EKD den Auftrag erhalten, eine Art »geistlichen Operationsplan Deutschland« zu erstellen, so Felmberg. Er meint das besagte Rahmenkonzept, das sich derzeit noch im »ökumenischen Abstimmungsprozess« befinde, wie es aus dem Kirchenamt der EKD heißt. Deswegen will man dort genauso wie bei der katholischen Bischofskonferenz noch nichts dazu sagen.
Tatsächlich knüpft das Kirchenkonzept an den sogenannten »Operationsplan Deutschland« an, den die Bundeswehr erstellt hat. In ihm würde die militärische Landes- und Bündnisverteidigung mit den zivilen Unterstützungsleistungen in einem Plan zusammengeführt, erfährt man im Rahmenkonzept der Kirche. Im Operationsplan gehe es auch um die Frage, welche Rolle die Religionsgemeinschaften bei der Verteidigung hätten.
Krieg scheint wieder führbar
Das wollen die Kirchen mit ihrem Konzept beantworten und zählen all die Ressourcen auf, die es bei ihnen gibt: Gemeindeseelsorge, Notfallseelsorge, Krankenhausseelsorge, Polizei- und Gefängnisseelsorge. Es wird überlegt, wie diese alle im Bündnis- oder Verteidigungsfall eingesetzt werden können, welche Kompetenzen bereits vorhanden sind und in welchen Bereichen noch Schulungen nötig sind, um den Anforderungen im Krieg zu genügen. Vieles davon bleibt noch unkonkret. Das 24-seitige Konzept soll später durch »Handlungsleitfäden« ergänzt werden.
»Die Kirchen lassen sich nach meiner Wahrnehmung zu einem Teil des Betrugs machen, dass Krieg eine Handlungsmöglichkeit sei«, sagt Gottfried Orth empört. Er ist emeritierter Theologieprofessor mit dem Schwerpunkt Friedenstheologie. Und Angelika Claußen, Kovorsitzende der deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), meint, dass die Verfasser des Konzeptes sich wohl nicht die Dimension eines Krieges klargemacht hätten. Bundeswehroffiziere hätten gegenüber Ärztevertretern Szenarien vorgestellt, wonach Deutschland im Kriegsfall bis zu 1000 verletzte Soldaten täglich versorgen müsse, was nur zulasten der normalen Krankenversorgung gehen könne.
Diesen Konflikt sieht das Rahmenkonzept durchaus: Kapazitäten für verletzte Soldaten würden »tief in den Regelbetrieb« der Krankenversorgung eingreifen und »Standards der bestmöglichen individualmedizinischen Versorgung« außer Kraft setzen, heißt es. Eine inhaltliche Position dazu haben die Kirchen aber nicht in ihrem Plan. Nur dass man das Seelsorgepersonal auf diese Situation vorbereiten müsse und – wie es in dem Konzept häufig heißt – mit den staatlichen Stellen zusammenarbeiten werde. Die Aufgabe der Seelsorge in Kriegszeiten wird beschrieben als »emotional und seelisch zu stabilisieren, Halt und Orientierung« zu vermitteln. Entscheidungen der kirchlichen Stäbe sollen »Ruhe, Ordnung« und »Handlungsfähigkeit« gewährleisten. Es fällt auf, dass an keiner Stelle ein möglicher inhaltlicher Konflikt mit den Anordnungen staatlicher Stellen angesprochen wird.
Claußen sieht in diesen Beschreibungen eine »Unterwerfung«; die Befehle kämen im Kriegsfall, autorisiert durch Notstandsgesetze, vom Militär. Und Gottfried Orth sieht es kritisch, dass das Konzept der Kirche selbst eine militärische Sprache verwende, wenn etwa von »Stabsarbeit« die Rede ist oder wenn es heißt, dass es darauf ankäme, »in bereichernder Vielfalt und dennoch mit einer Stimme zu sprechen«.
In dem Konzept wird einerseits die föderale Struktur von Kirche als Ressource gewürdigt, aber es wird auch davon gesprochen, »dass im Krisenfall« Entscheidungen »durch Stabsarbeit getroffen werden«. Solche Stäbe könne es von der Gemeinde- oder Pfarreiebene bis zur Bundesebene geben: »Die Einrichtung eines kompakten, circa zehnköpfigen ökumenischen Krisenstabs auf Bundesebene ist in Erwägung zu ziehen.« Dazu sollen Kirchenleute in »Krisenstabsarbeit« ausgebildet werden.
Den Gefallenen besonders gedenken
Gottfried Orth stellt verwundert fest, dass Kriegsdienstverweigerer in dem Konzept nur zweimal knapp erwähnt werden, und zwar als »besondere Personengruppe«, die »in den Fokus von Gemeindearbeit und Seelsorge geraten« könne. Orth hingegen findet, Kriegsdienstverweigerer und die ebenfalls erwähnten Deserteure seien Menschen, »die auf besondere Unterstützung gerade der Kirchen angewiesen« seien – bis hin zum Kirchenasyl für Deserteure. Friedensbewegte Stimmen aus den Kirchen würden in dem Konzept völlig fehlen, so Orth.
Dafür werden aber den gefallenen Soldaten knapp zweieinhalb der 24 Seiten gewidmet: Es geht um die Überbringung der Todesnachricht, die würdevolle Bestattung und die Begleitung trauernder Angehöriger bis hin zur Schaffung von »Gedenkorten und -zeiten«: »Neben dem Volkstrauertag, dem Ewigkeitssonntag und Allerseelen werden weitere Zeiten und Orte geschaffen, an denen der Gefallenen in einer besonderen Weise gedacht werden kann.« Orth schüttelt den Kopf. Er kann sich nicht vorstellen, dass die Landeskirchen wieder ein Gefallenengedenken einführten, wie es das früher gegeben habe.
Bleibt die Frage, ob es bei dem Rahmenkonzept nur um operative Fragen geht, wie die Autorinnen und Autoren des Konzeptes meinen, wenn sie schreiben, dass sie in keiner Weise die friedensethischen Grundeinsichten der Kirchen relativieren wollen. Orth meint, dass man sich auf den Weg der Kriegsvorbereitung begebe, wenn man so tue, als sei ein Krieg führbar.
Militärbischof Felmberg hält dagegen: »Fördert die Notfallseelsorge den Unfall auf der A9? Fördert die Krankenhausseelsorge die Entstehung von Krebs?«, fragte er kürzlich im Bayerischen Rundfunk. »Nein, tut sie nicht.« Aber weil diese Dinge passieren können, sei man besser darauf vorbereitet. Ja, es sei geradezu »fahrlässig«, so Felmberg, »wenn wir in einem hoffentlich niemals eintretenden Verteidigungsfall nicht handlungsfähig wären«. Orth hingegen sieht die vom Evangelium gebotene Aufgabe der Kirchen darin, Stopp zu sagen, wenn Krieg wieder als Option erscheine.
Wie so ein Stopp aussehen kann, macht die IPPNW gerade mit einer Kampagne gegen die Militarisierung im Gesundheitswesen vor: »Ich halte alle Maßnahmen und Vorkehrungen für gefährlich, die auf das Verhalten im Kriegsfall vorbereiten sollen. Nur kriegspräventive Maßnahmen kann ich vertreten«, heißt es in einer Selbstverpflichtung, die bisher rund 900 Bedienstete im Gesundheitswesen unterschrieben haben. »Ich lehne deshalb jede Schulung oder Fortbildung in Kriegsmedizin ab und werde mich daran nicht aktiv beteiligen.« Eine vergleichbare Kampagne, meint Angelika Claußen, könne man auch in den Kirchen machen. Dort gäbe es doch auch viele, die mit der Politik der Kriegstüchtigkeit nicht einverstanden seien.
Publik-Forum vom 5.12.2025