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Religion und Widerstand

Ist das schon Religion? Na, dann kann es ja weg – so kann man den Tweed von Jutta Ditfurth, der links-ökologischen Publizistin, zusammenfassen. Sie meinte Extinction Rebellion – die Rebellion gegen das Aussterben der Menschheit. So nennt sich die Bewegung, die vergangene Woche in Berlin und vielen anderen Städten der Welt Blockade-Aktionen durchgeführt hat. Das sei keine linke Bewegung und werde es auch niemals, so Ditfurth, das sei eine „religiös-gewaltfreie esoterische Sekte“, die an die Apokalypse einer baldigen „Auslöschung der Menschheit“ glaube: Sie schüre Emotionen statt dem Klimawandel rational zu begegnen.

In der vergangenen Woche erschien auch ein Buch von der Extinction Rebellion Gruppe Hannover, Hope Dies – Action Begins. Da hat sogar ein Theologieprofessor mitgeschrieben und da geht es in der Tat emotional zu: Von Trauer ist die Rede über das Aussterben der Arten und die Verwüstung der Erde, um Hoffnungslosigkeit geht es und um Zukunftsoffenheit, es geht um Verzicht und Opferbereitschaft und um eine Gemeinschaft, die uns Menschen mit anderen Lebewesen verbindet und uns Menschen in die Pflicht nimmt. Das sind Begriffe, die man aus den religiösen Traditionen kennt, in der Tat; das leugnen die Rebellen auch gar nicht: „Wir suchen das Beste aus den verschiedensten Weltanschauungen und religiösen Überzeugungen“, heißt es, alles, „was uns helfen kann, die Erde und das Leben auf ihr zu lieben und zu verteidigen!“

Also, ja da ist auch Religion enthalten und gerade deswegen kann es noch nicht gleich weg, finde ich. Denn: ja, ich schätze durchaus rationale Analysen von Zusammenhängen; aber was den Klimawandel angeht: An diesem Wissen fehlt es ja nicht. Was fehlt ist ein Handeln, das auf dem Niveau unseres Wissens wäre. Denn zwischen Wissen und Handeln schieben sich immer so blöde Emotionen: Die Angst etwas Wichtiges zu verlieren; die Gier, das zu retten, was man zu einem vermeintlich guten Leben braucht.

Hey, könnte da Jutta Ditfurth sagen, es geht doch um knallharte Interessen, Profit und kapitalistische Systemzwänge. Ja, richtig, um die geht es. Aber auch Systeme könnte man anfangen zu ändern. Dass die Bundesregierung gerade ein derart mutloses und unzureichendes Klimapaket verabschiedet hat, ist nicht allein mit Systemzwängen zu erklären. Das hat auch viel mit der Angst zu tun, man könne dem Volk nicht mehr zumuten an Veränderung. Wenn nun die Rebellen ihre Angst vor dem Aussterben des Planten kultivieren und Emotionen wecken, die Gemeinschaft und Verpflichtung stärken – dann ist mir das, ehrlich gesagt, viel lieber als die Emotionen, die derzeit unsere Politik bestimmen. Und wenn die Rebellen damit an alte religiöse Traditionen anknüpfen, finde ich das auch nicht schlimm: Was vielen Traditionen gemein ist, ist oftmals nicht ganz falsch.

Was mich als evangelischen Christ mehr beunruhigt als die religiösen Töne bei den Rebellen, ist die Tatsache, dass die offiziellen Hüter der religiösen Traditionen immer noch nicht auf der Seite der Rebellion stehen. Es wäre jetzt doch wohl die Zeit dazu.

WDR 5 / Diesseits von Eden am 13.10.2019

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