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Wer hat die Macht bei der Aufarbeitung?

„Sie haben noch immer keine klare Haltung gefunden, was den Umgang mit uns Betroffenen angeht“, erklärte vor wenigen Wochen Kerstin Claus vor der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Claus hat als Teenager sexuellen Missbrauch durch einen evangelischen Pfarrer erlitten. Die Protestanten bemühen sich inzwischen auch um Aufarbeitung der Verbrechen, aber der Bemühung scheint etwas entgegenzustehen: Die Kirchenleute müssten sich von einen Wesenskern kirchlicher Arbeit verabschieden, so Claus. „Sie werden Ihre Deutungshoheit aufgeben müssen.“ Das professionelle Kirchenpersonal ist es gewohnt, dass sie es sind, die Bescheid wissen in den großen Fragen nach Heil und Heilung, dass sie diejenigen sind, die sich um die Seelen der anderen sorgen. Die anderen, das sind die Hilfebedürftigen, denen man Hilfe gewährt und die das eigene Selbstbild in Frage stellen, wenn das, was Ihnen an vermeintlicher Hilfe angeboten wurde, nicht zu helfen scheint.

Aufarbeitung von Missbrauch sei aber ein langwieriger und schwieriger Prozess, erklärte Claus der Synode, für einzelne Betroffene wie für eine Institution. „Nicht die Kirche kann feststellen: Jetzt ist es gut. – Nein, ich muss es spüren. Ich muss es in meinem Alltag spüren, dass es vielleicht nicht gut, aber besser geworden ist, dass die Last Schritt für Schritt weniger erdrückend geworden ist oder mich nicht wenigstens wie aus dem Nichts immer wieder überfällt.“ Aufarbeitung mit Betroffenen so zu gestalten, dass die Deutungshoheit bei den Überlebenden des Missbrauchs liegt, ist wohl tatsächlich ein Prozess, der in Einzelfällen geglückt sein mag, aber den Kirchen insgesamt noch bevorsteht.

Wissenschaftliche Forschungsprojekte oder Aufträge an Anwaltskanzleien, die jetzt von vielen Bistümern vergeben werden, um das Maß von Missbrauch durch Geistliche in den eigenen Reihen deutlicher werden zu lassen, sind noch keine Aufarbeitung, sondern können dieser höchstens vorarbeiten. Aufarbeitung wäre ein Prozess zwischen Kirchenleuten und Menschen, die Missbrauch im Raum der Kirche erlitten haben, der sich an den Bedürfnissen der Letzteren orientiert und in dem die Ersteren mit dem zur Verfügung stehen, was sie geben können: Geld, Anerkennung und vor allem Wissen.

Bisher hat noch kein verantwortlicher Kirchenmensch aus seinem persönlichen Erfahrungswissen ehrlich mitgeteilt, wie es möglich war, dass ein bestimmter Täter immer wieder Opfer finden konnte. Das Interview, das der emeritierte Erzbischof von Hamburg, Werner Thissen, kürzlich der Münsteraner Kirchenzeitung gab, war – höflich gesagt – ein Versuch mit angezogener Handbremse. Vor diesem Hintergrund wirken die Forschungsaufträge, die vergeben wurden, wie eine Auslagerung der Verantwortung: Die Forscher sollen die Offenheit herstellen, die den Kirchenleitenden offensichtlich nicht möglich ist. Dabei haben die Forscher in erster Linie die Akten zur Verfügung, die in vielen Fällen das Ausmaß des Versagens nur ungenügend oder gar nicht dokumentieren. Bei der Vergabe der Forschungsaufträge haben Betroffene in der Regel nicht mitgewirkt; die Forschungsvorhaben sind wohl der letzte Versuch der Kirchenleitungen, die Kontrolle zu behalten über das, was sie Aufarbeitung nennen.

Warum fällt es den Leitenden in den Kirchen so schwer ehrlich zu sein, obwohl das Aussprechen der Wahrheit als Mittel zum Heilwerden in der Beichte ritualisiert ist, also zum Kern des kirchlichen Selbstverständnisses gehört? Das offenkundige Versagen der Bischöfe würde wohl ihre Macht in Frage stellen, die sie in der Kirche nach wie vor haben: Warum soll nur einer der Bestimmer im Bistum sein? Wo doch diese Einen sich immer wieder als Menschen erweisen, die nicht nur nicht vorbildlich, sondern gemessen an den gesellschaftlichen Maßstäben ihrer Zeit vielerorts auch besonders unverantwortlich gehandelt haben – indem sie Priester dem Zugriff der Strafverfolgung entzogen oder nach einer Verurteilung weiter in der pastoralen Arbeit belassen haben.

Auch wenn die, die am meisten Macht haben, am meisten herausgefordert sind, wenn es darum geht, auf Macht zu verzichten: Es geht beim Thema Missbrauch nicht an, nur auf die Bischöfe zu weisen. Jeder, der mit sich selber ehrlich ist, weiß, dass das Wegschauen und Nicht-so-genau-wissen-wollen immer eine Option ist, wenn man „ein komisches Gefühl“ hat oder gar deutliche Hinweise auf Missbrauch vorliegen. Es ist natürlich die schlechtere Option. Einem Verdacht beherzt und behutsam nachzugehen, wäre besser. Darüber hinaus: Sich und anderen die eigene Unsicherheit und Hilflosigkeit eingestehen beim Thema Missbrauch, damit rechnen, dass Betroffene unter uns sind (in jeder Schulklasse ist im statistischen Mittel mit ein bis zwei Kindern zu rechnen), in Kirchengemeinden für das Thema sensibilisieren und Überlebenden einen Ort in der Kirche anbieten, in dem sie wahrgenommen werden und sich artikulieren können – das alles wäre für viele Missbrauchsüberlebende wichtiger als eine schnelle und richtige Reformforderung. Die Mahnung von Kerstin Claus, „Sie werden Ihre Deutungshoheit aufgeben müssen“, betrifft Kirchenleute auf allen Ebenen.

Online veröffentlicht am 2.12.2019

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