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Predigt für Missbrauchstäter

Selten erzielen Predigten soviel Aufmerksamkeit wie die des Münsteraner Priesters Ulrich Zurkuhlen. Er forderte Vergebung für Missbrauchstäter ein und verharmloste in einem Fernsehinterview Missbrauchsvergehen. Ein Kommentar:

Ulrich Zurkuhlen hat quasi um seine Bestrafung gebeten: Nach seiner mehr als unglücklichen Predigt über Vergebung, die die Kirche auch den Missbrauchstätern gewähren solle, hatte sein Bischof Felix Genn ihn gebeten nicht mehr zu predigen. Statt sich nun an der Schadensbegrenzung zu beteiligen, äußerte sich Zurkuhlen über seinen Blog und im Interview gegenüber dem WDR. In der Absicht, sich zu verteidigen, redete er sich vollends um Kopf und Kragen, in dem er die Tragik und Tragweite von sexuellem Missbrauch mit unhaltbaren Gründen kleinredete. Zwei Tiefschläge gegen alle Überlebende sexueller Gewalt.

Bischof Genn musste reagieren, wenn er mit seiner Politik der Null-Toleranz gegenüber Missbrauch glaubhaft bleiben wollte: So verbot Genn dem irrlichternden Pfarrer die Ausübung seines priesterlichen Dienstes. Gut so, aber: Die Sanktion gegen einen Priester darf nicht die Frage verdecken, wie viele in der Kirche genau so oder so ähnlich denken wie er: Es gibt doch viele Geistliche, die des Missbrauchs beschuldigte Kollegen kennen. Wie viele von denen sorgen sich mehr um ihre Kollegen als um deren Opfer? Es gibt viele in der Kirche, die nicht konsequent die ihnen anvertrauten Kinder geschützt haben – und denen es vielleicht deswegen nahe liegt, die Verbrechen klein zu reden. Offensichtlich ändern die Präventionsschulungen zum Thema Missbrauch nicht immer die Mentalitäten der Kursteilnehmer. Warum hält sich unter Geistlichen eine derartige Empathielosiogkeit mit den Opfern der Gewalt? Diesen Fragen darf die Kirche nicht ausweichen. Redeverbote helfen hier nicht weiter, wenn sich die Einstellungen der Kleriker ändern sollen.

Und: Das Thema von Zurkuhlens Predigt war die Vergebung. Es ist beileibe nicht nur ein Problem von Zurkuhlen, dass er mit diesem christlichen Zentralthema angesichts des Missbrauchs auf Abwege gerät. Wer von Vergebung redet, ist immer näher bei den Tätern als bei den Opfern. Glaubt die Kirche wirklich, dass es Heil, also Vergebung der Sünden, schon jetzt für die Täter gibt – während die Opfer ein Leben lang unter den Sünden der Anderen leiden? Hier braucht es ein vertieftes theologisches Nachdenken und eine Neujustierung der christlichen Verkündigung. Bischof Genn gab einen guten Hinweis, wenn er sagte, dass es jetzt nicht um Vergebung für die Täter, sondern, so weit wie möglich, um Gerechtigkeit für die Opfer gehe. Gut. Gerechtigkeit für die Opfer – diese Dimension der christlichen Tradition wurde lange Zeit, höflich gesagt, vernachlässigt. Und es klärt noch nicht alle Fragen: Kann man Gerechtigkeit für die einen und Vergebung für die anderen wirklich zusammenbringen – oder bleibt das ein unauflösbarer Gegensatz? Hier liegen große Lernfelder für die Kirchen insgesamt. Möge der Konflikt um einen lernresistenten Pfarrer diese Fragen endlich auf die Agenda setzen.

WDR 5 / Diesseits von Eden am 14.7.2019

Radiofeature über Gerechtigkeit und Vergebung im Kontext sexuellen Missbrauchs

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